19.03.2018 | Ausgabe 03/2018

Kreativität versus BIM

Und die Gedanken bleiben frei

Bild: Renn Architekten

Bild: Renn Architekten

Der Wunsch, Leben und Umwelt in einem statischen Vakuum zu erhalten, ist nur allzu menschlich und uralt. Ebenso wie der Argwohn, den der Mensch dem Neuem aus Unkenntnis entgegenbringt. Zukunftsweisende Technologien, Maschinen, Arbeits- und Hilfsmittel setzten sich jedoch durch: bedeuteten sie doch stets eine Erleichterung und Verbesserung des Lebens. Davor stand immer die Bewegung, eine Annäherung an das Unbekannte, physisch und vor allem im Kopf. Und damit das Auflösen des statischen Vakuums und die Neudefinition der eigenen Komfortzone.

Der Zugewinn, der Mehrwert, den uns Technik und Maschinen vermitteln, ist enorm. Und er rechtfertigt seit jeher die kontinuierliche Entwicklung von Technologien. Er bahnt den Weg für den Fortschritt. Wer also bereit ist, sich mit neuen Arbeitswerkzeugen auseinanderzusetzen, lernt schnell die Tools zu bedienen. Denn sie erleichtern die Arbeit und vereinfachen Arbeitsabläufe und geben Freiraum für Entfaltung.

Das Maschinenherz verliert die Einfalt
Eine chinesische Weisheit, nachzulesen in „Automatismen und Architektur. Medien, Obsessionen, Technologien“ (Oliver Schürer, Springer 2012), belegt die sog. „Technophobie“ eindrücklich: „Wer Maschinen benutzt, dessen Herz wird selbst eine Maschine. Wer aber ein Maschinenherz hat, dessen Einfalt ist verloren, und er erreicht nicht den Ursprung (Tao). Nicht, dass ich von solchem Zeug nicht wüsste; ich würde mich schämen, es anzuwenden.“Zugeschrieben wird es Zhuangzi, einem chinesischen Philosophen ca. 400 v. Chr.
Mindestens 2.500 Jahre ist die Angst vor Technik und der damit verbundenen Innovation also alt. Und umso weniger erstaunt es, dass technologische Neuerungen, wie sie die Digitalisierung mit sich bringt, bis heute mit Skepsis und gehöriger Distanz betrachtet werden. Building Information Modeling, kurz: BIM, steht beispielhaft für den Technologiewechsel, eine technologische (R)Evolution, für Unbekanntes und den Fortschritt in der Bauwelt – vorangetrieben durch die allgegenwärtige Digitalisierung. Jeder redet davon: Bauherrn, Politiker, Institutionen, Fachplaner und Architekten. Und alle haben eine Meinung dazu, egal ob Architekt oder Ingenieur, Anwender oder Planungsfremder.

BIM befördert kreatives Schaffen
Es ist nicht wichtig, welches Werkzeug sich der Kreative sucht, um seine Ideen zu fixieren und weiterzuentwickeln. Oder anders gesagt: Ob sich ein Mensch der Jungsteinzeit mit einem Stück Kohle an einer leeren Höhlenwand oder ein Planer mit 27-Zoll-iMac und der BIM-Software Archicad verwirklicht, ist irrelevant. Kreativität findet ein Ventil, unabhängig vom Hilfsmittel zu ihrer Visualisierung. Dieses „kreative Gesetz“ hat direkten Einfluss auf den Umgang mit der Planungsmethode BIM. Verbinden mit BIM doch viele Architekten und Ingenieure wie auch Fachplaner den Verlust der kreativen Leistung in Entwurf und Planung – eine der Kernkompetenzen, die Architekten seit jeher für sich beanspruchen. Dieser scheinbare Verlust, lässt die Angst vor BIM wachsen. Das ist verständlich, jedoch unbegründet. Denn BIM ist nur ein weiteres Werkzeug, das bei richtiger Anwendung sogar mehr Freiraum für die kreative Arbeit bietet.

Planung und Realität liegen dicht beieinander: die mit BIM geplante Heini-Klopfer-Skiflugschanze Oberstdorf.
Bild: Renn Architekten

Den Nutzen für die eigene Arbeit erkennen
Graphisoft, Hersteller der BIM-Planungssoftware Archicad, befragte vier Architekten zu ihren Erfahrungen und den etwaigen kreativen Hemmnissen oder gar Einschränkungen. Sie zeichnen ein differenziertes Bild, indem jedoch nicht BIM oder die Software der Hemmschuh guter Architektur und kreativer Leistungen sind. Titus Bernhard, Architekt aus Augsburg und im Wohn- wie Gewerbebau beheimatet, vertritt eine klare Meinung: „Das schließt sich keineswegs aus: BIM und Kreativität. Im Gegenteil. Ich verstehe es als Werkzeug, um ein Projekt zu strukturieren. Um es in der Abwicklung mit den Planungsbeteiligten zu vereinfachen und idealerweise auch das Handling mit dem Bauherrn zu erleichtern.“Wesentliche Vorteile spricht er damit an, die jedoch rationale Themen betreffen. Und die mit Kreativität wenig zu tun haben. Doch Titus Bernhard fügt hinzu: „Es treffen zwei Ebenen zusammen. Die Gestaltungsebene ist die Ebene, die mit der Begabung des Architekten und mit dem Verständnis des Architekten zu tun hat. Die zweite Ebene ist die Strukturierung des Projekts, sein Handling, die Möglichkeit, mit BIM eine Effizienz zu erzeugen. Im besten Fall bedeutet BIM eine höhere Effizienz und eine einfache Abwicklung. Wir bekommen dadurch mehr Zeit für die Gestaltung.“

Am Anfang steht die Vision –daran ändert BIM nichts
Also bietet die Methode doch eine kreative Komponente, wenn auch nur indirekt, durch einen Zugewinn an Zeit? Hans-Martin Renn von Renn Architekten aus Fischen im Allgäu sieht es ähnlich und ergänzt den Nutzen: „Am Anfang steht die Vision. Daran ändert BIM nichts (Abb. 1 und 2). Diese gilt es, technologisch zu füllen, zu untermauern. Bauprodukte, Technologie, Anforderungen an den Architekten haben sich verändert. Das ganze Gebilde ist neu. Es macht Freude, schon in der Planung zu sehen, wo die Schwierigkeiten stecken und nicht erst auf der Baustelle. BIM ist eine Methode, die Kreativität unterstützt. Und zwar technologisch (Abb. 3 und 4).“
Hans-Martin Renn erkennt eine technologische Unterstützung in BIM. Warum sind bei diesem positiven Bild jedoch weiterhin Planer so zögerlich mit der Einführung der BIM-Methode, die schnell Zeit- und Kostenersparnis sowie strukturierte Planungsprozesse bedeuten kann? Torben Wadlinger von Graf + Partner Architekten aus Frankenthal in der Pfalz macht hierfür nicht etwa die Kosten für die Einführung, sondern die Unkenntnis von BIM und den dahinter stehenden Prozessen verantwortlich. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Viele reden am Thema vorbei: BIM und Entwerfen sind zunächst zwei getrennte Dinge. Wenn ich konventionell entwerfe, also mit meinem 6B-Bleistift zum Beispiel, dann wird aus einer Skizze in der Folge trotzdem ein räumliches Gebilde. Und wenn dieses Gebilde dann real möglich ist, kann ich es auch komplett virtuell planen und bauen. Bin ich nicht dazu in der Lage, beherrsche ich mein Werkzeug BIM einfach nicht.“

Die Wohnanlage „Riedberg 04“. 106 Wohnungen entstanden hier im Frankfurter Stadtteil Riedberg.
Bild: Renn Architekten

Die Hürden im Kopf überwinden
Torben Wadlinger, dessen Büro auf Sanierungen und Wohnungsbau spezialisiert ist, sieht in der Selbstlimitierung der Architekten eine weitere Gefahr: „Ich höre oft von Kollegen: »BIM nimmt dem Architekten die Kreativität.« Das sagen aber jene, die nicht mit dem Werkzeug arbeiten. Ein »Medienbruch«, also vom kreativen Entwerfen auf dem Skizzenpapier zum Planen mit BIM, existiert für mich jedenfalls nicht. Wer die Planungsmethode nutzt, erkennt schnell ihren Mehrwert. Die eigentliche Sperre ist immer im Kopf. Das ist die Eigenbeschränkung, sich mit dem Neuen nicht auseinandersetzen zu wollen.“

BIM ist das Werkzeug im Planungsprozess– die Architektur das Ergebnis
Für Florian Kraft von Stefan Forster Architekten ist die Frage nach dem Verlust von Kreativität durch BIM essenziell. Das Büro, das sich mit Wohnungsbau einen Namen gemacht hat (Abb. 5 und 6), arbeitet konsequent über alle Leistungsphasen hinweg mit der digitalen Planungsmethode: „BIM und sein Einfluss auf die Kreativität der Architekten werden hier im Frankfurter Raum heiß diskutiert. Vor Kurzem war ich auf einer Veranstaltung, auf der es genau darum ging: »Um Gotteswillen. Was kommt da jetzt auf uns zu?« Vor 25 Jahren mit der Einführung von CAD in den Büros gab es die gleichen Diskussionen, also ob CAD die Kreativität einschränkt. Nichts dergleichen ist passiert.“ Florian Kraft sieht im Building Information Modeling vor allem ein neues Werkzeug, mit dem in Zukunft viel möglich wird: „Ich bin gelernter Zimmermann. Wenn ich ein neues Werkzeug in die Hand bekam, habe ich mir immer überlegt: Was kann ich damit tun und wie wird meine Arbeit damit effektiver und noch besser? Genauso ist es mit BIM. Es ist unser Werkzeug als Architekten. Wir müssen es uns zu eigen machen, dann wird es die Umsetzung unserer Ideen verbessern und nicht einschränken. Die unbegründete Angst vor dem Verlust an Kreativität resultiert aus der Unsicherheit vor dem Unbekannten.“

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