13.12.2018 | Ausgabe BAU 2019

Auf dem Weg nach oben

Upper West, Berlin

Das Gebäude „Upper West“ in Berlin mit seiner markanten Fassade / Quelle: Kone

Das Upper West beeindruckt mit seiner schwingenden Fassade. Darüber hinaus steht der auffällige Bau für einen Trend der Immobilienbranche: Planer und Investoren wollen höher hinaus. Doch damit entstehen  besondere Herausforderungen. Denn die Gebäude, zumal so individuell entworfen wie das Upper West in Berlin, wollen effizient und komfortabel erschlossen werden.

Das Upper West und das Zoofenster: Viel wurde und wird in die beiden 118,8 Meter hohen Bauten hineingedeutet. Mal erklärt man sie zum Eingangstor in das westliche Zentrum um den Breitscheidplatz  und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche herum. Dann wieder gelten sie als Zeichen einer neuen Zeit, in der Hochhäuser in die deutsche Hauptstadt Einzug halten. Dabei hat Berlin kein einziges Hochhaus, wenn man dem Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) folgt. Dort gilt eigentlich nur als hoch, was 150 Meter überragt. Aber legt man die Messlatte ein wenig niedriger, kommt die Hauptstadt auf mindestens 11 Häuser mit 100 Metern Höhe. Und die Zahl hoher Gebäudewird wachsen. Derzeit wird in Berlin ein halbes Dutzend Hochhäuser geplant, die überwiegend Wohnungen bieten sollen. Hochwertiges  Eigentum mit Blick auf die Skyline der Hauptstadt ist gefragt. Zumindest setzen die Investoren darauf wie beim Hines-Hochhaus (150 m) und beim Capital Tower (150 m), die den Alexanderplatz nach jahrelangen und immer noch l ufenden Planungen zum ersten richtigen Hochhausstandort der Stadt machen würden.

Die Fünferaufzuggruppe der Büroetagen mit Portalen und transluzenten Etagenkennzeichnungen aus Naturstein / Quelle: Kone

Planung als fließender Prozess
 Für die Planer und Gebäudeausrüster verspricht das eine Herausforderung zu werden. Denn je höher das Gebäude, desto größer wird  der technische Aufwand. „Die Planungen bei solchen Vorhaben sind eigentlich nie fix“, sagt Rainer Lustig von Kone. Der Key Accounter hat schon die Fördertechnik zahlreicher Großprojekte betreut. Für das Upper West hat er gemeinsam mit Stefan Drangmeister von der Abteilung Kone Engineering die Verkehrsanalyse gemäß der Kundenvorgaben erstellt. Umplanungen sind für ihn eher die Regel als die Ausnahme. „Das Gebäude wird oft ohne Mieter geplant, die dann aberbesondere Wünsche mitbringen“, erklärt Lustig. „Restaurants werden von einer Etage in die andere verlegt, aus Büros werden Wohnungen und aus Wohnungen Hotelzimmer. Das hat natürlich jedes Mal  Konsequenzen für die Verkehrsberechnungen.“ Auch bei den Aufzügen des Upper West war einiges im Fluss. Die 5er-Gruppe sollte erst die Hoteletagen, die 4er-Gruppe die Bürogeschosse erschließen. Nach Abstimmung mit Kone wurde getauscht, sodass die 4er-Gruppe nun für den Hotelbereich vom EG bis 18. OG vorgesehen ist. Zugleich entschied man sich – rechtzeitig vor Beginn der Rohbauphase – für Anlagen ohne Maschinenräume. Das machte viele Kubikmeter in der ersten der darüberliegenden Büroetagen frei, die bis ins 32. OG reichen. Auch die Zielwahlsteuerung der Hotelaufzüge entfiel. Normalerweise wird sie eingesetzt, um die Leistungsfähigkeit einer Aufzuggruppe zu steigern, zumal wenn sie selbstlernend ausgeführt ist. „Aber Zielwahlsteuerung wäre vom Hotelpublikum nicht ohne Weiteres verstanden worden und hätte immer wieder erklärt werden müssen“, erläutert Jens Albrecht, der als Projektleiter  ei  one den Einbau der Aufzüge leitete. Dazu kam ein Kniff der Planer: Statt fünf wurden nur noch vier Aufzüge für die Gäste vorgesehen, deren Maximalgeschwindigkeit aber von 2,5 auf 3 m/s angehoben wurde. „Bei etwa gleicher Leistungsfähigkeit bekamen wir einen Aufzug für den Service, was bessere Abläufe im Hotel ermöglicht“, sagt Albrecht.

Die Vorarbeiten
 Die grundlegende Planung für das Upper West lag nicht in den Händen des Aufzugherstellers, sondern der Aufzugfachplaner von Jappsen  Ingenieure. „Sie haben in einem Mix aus Statistik, Physik und Annahmen auf Basis der Nutzflächen und Hotelzimmer die Zahl der Anlagen und Schächte festgelegt und deren Lage im Gebäude bestimmt“, so Lustig. „Wir haben dann auf dieser Grundlage an den Details gefeilt.“ Mit spezieller Software simulierten Lustig, Drangmeisterund ihre Kollegen, wie sich Bürobereich und Hotel – die baulich  getrennt und daher verkehrstechnisch separat zu betrachten sind – optimal füllen und leeren lassen. „Eine weitere Frage war etwa, wie wir für die Büroetagen den Lieferverkehr so abwickeln können, dass sich die Wartezeiten für die Nutzer nicht merklich verlängern“, sagt Drangmeister. Zwar finden Anlieferungen nur außerhalb der Stoßzeiten statt, doch müssen dafür ein oder zwei Aufzüge zunächst entleert und anschließend für die Dauer der Servicefahrten komplett reserviert werden. Das  indet Kapazitäten.

Die Aufzugkabinen sind mit Wänden aus schwarz mattiertem Glas verkleidet. / kone

Weniger Leistung ist mehr
 Auch bei den Büroaufzügen gab es Änderungen, die Züblin als Generalunternehmer und die Strabag Real Estate als Bauherr mit Kone vereinbarten.  So wurde unter anderem die Maximalbeschleunigung von 1,2 auf 1,0 m/s verringert. „Die Fahrzeitverlängerung ist minimal. Dafür ist es angenehmer für die Nutzer. Es macht die Antriebe kostengünstiger und schont die Komponenten“, betont Projektleiter Albrecht. Hätte man sich das alles nicht vorher überlegen können? Mag sein, aber nach der Auftragsvergabe sieht die Welt eben anders aus als vor der Ausschreibung. „Wenn die Arbeiten erst mal laufen und die ersten Rechnungen bezahlt werden, ist doch der Druck da nachzuschauen, ob sich Kosten nicht noch senken lassen“, sagt Gunnar Dellin von Züblin, der beim Upper West die technische Projektleitung innehatte. „Wenn der Generalunternehmer eine Lösung hat, die im Ergebnis dieselbe Funktion  erfüllt, dann stimmt der Bauherr zu.“ Wie bei der verringerten Beschleunigung,  ie der Aufzughersteller im Rahmen  er Ausschreibung angeboten hatte.

Doch nicht nur bei der Technik gab es Änderungen. Auch das Design der Kabinen wird bei so aufwendigen Projekten eher spät festgelegt  oder verändert. Pünktlich zum Richtfest des Upper West Mitte Mai 2016 klopfte der künftige Hotelbetreiber Motel One bei Dellin an: Ob man nicht das Design der Aufzüge ändern könne. Dellin fragte bei ProjektleiterJens Albrecht nach, ob man da was machen könne. Man konnte.  Innerhalb einer Woche war alles entschieden.