15.04.2019 | Ausgabe 04/2019

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
Gebäudehülle – das ist mehr als bloß die Fassade eines Gebäudes. Sie steht in  Interaktion mit ihrem Umfeld und dem, was sich innerhalb des Gebäudes befindet. In Zeiten ständiger energetischer Optimierung, herausfordernder Brandschutzkonzepte und hoher Ansprüche an eine zeitlose und ansprechende Gestaltung ist die  ülle eines Bauwerks viel mehr als eine funktionale „Verpackung“.

Und doch ist auf den ersten Blick zumindest für den Laien und manchmal sogar für die Experten nicht zu erkennen, welch komplexe Struktur dahinter steckt, welche  Güte die verwendeten Materialien haben, welche Botschaft vermittelt werdensoll. Was sich alles unter einer Oberfläche verbirgt, zeigt sich oft erst auf den zweiten  (oder wiederholten?) Blick.

Mit der Europäischen Union ist das ähnlich: ein komplexes Konstrukt, Verbund aus derzeit etwas weniger als 30 Mitgliedsstaaten und gemessen am Bruttoinlandsprodukt  der größte gemeinsame Wirtschaftsraum, ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis. Das ist die flüchtige, oberflächliche Betrachtung.

Blickt man tiefer, wird es schon komplizierter: Nicht alle Staaten bilden eine  Wirtschafts- und Währungsunion, Rechte und Pflichten der einzelnen Staaten sind auf Basis komplizierter Schlüssel geregelt und die mehr als eine halbe Milliarde Einwohner der EU versteht sich nur in Ausnahmen als Teil der Union. Wenige schenken dem politischen System im Alltag Beachtung; die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik litt schon des Öfteren unter den heterogenen Ansichten der Mitgliedsstaaten  nd einzelner Politiker und sowohl die Entscheidungen der EuropäischenKommission als auch die Rechtsprechungen des EuGH schaffen manchmalHürden, wo sie für Gerechtigkeit sorgen sollen.

Unter der Hülle brodelt es seit Jahren und die Fragen, in denen Uneinigkeit herrscht, scheinen sich – so der subjektive Eindruck – zu häufen. Kritikpunkt ist oft die Einmischung des Staatenbundes in hoheitliche Bereiche der einzelnen Länder.  Was soll er also regeln, was muss einheitlich werden – und was kann in letzter Konsequenz dramatische Folgen für relevante (Wirtschafts-) Strukturen in einzelnen Ländern haben? Das Thema HOAI ist eines dieser Beispiele, wo eine Entscheidungfür den – bislang nicht nachgewiesenen – Nutzen Einzelner und gegen ein etabliertes  und gerechtes Instrument möglicherweise folgenschwere Konsequenzen fürViele und den Wirtschaftsstandort Deutschland haben kann.

Verantwortungsvolle, kluge und kompetente Planung und die exzellente und hochwertige Ausführung sind Grundlagen für eine solide Gebäudehülle,  ie viele Jahrzehnte ein Bauwerk verlässlich schützt und stützt. Übertragen auf das ild der Europäischen Union ist damit die Hoffnung verbunden, dass von der visionären  und großartigen Idee eines geeinten Europas nicht bloß eine romantische Fassade bleibt, weil die Ausführung den Anforderungen nicht gerecht wird.


 

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