18.03.2019 | Ausgabe 03/2019

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
es geht beim Bauen viel um Akzeptanz. Dass die Meinung der Öffentlichkeit   u bestimmten Projekten hochkochen kann, dass Bürger offen ihre Ablehnung zur Sprache bringen, Baustopps erwirken und die beteiligten Politiker, Bauherren und Planer harsch angehen, das ist kein Phänomen der Neuzeit und das gibt es auch nicht erst seit Stuttgart 21. Davon kann die Bauwelt schon seit Generationen ein Lied singen.

Was sich in den vergangenen Jahren verändert hat, ist die bewusste Einbindung der „Betroffenen“ bereits in der Planungs- und später in der Bauphase.  Dabei geht es nicht darum, dass all diejenigen basisdemokratisch über das Gesamtprojekt mit entscheiden dürfen, die Interesse an der Sanierung oder dem Neubau eines Gebäudes oder der Entwicklung eines Stadtviertels zeigen. Dies ist unrealistisch, nicht praktikabel und würde unweigerlich zu Chaos und Stagnation führen.

Aber es ist klug, die Menschen, auf deren Lebensqualität oder deren ästhetisches Empfinden Baumaßnahmen Einfluss nehmen, frühzeitig zu informieren.  Ihre Sorgen und Ängste anzuhören und ernst zu nehmen; und auch, Ihre Anregungen aufzunehmen. Ob Ingenieur, Architekt, Bauherr oder Politiker – ihnen  sollte man grundsätzlich die Kompetenz zugestehen, dass sie für den von ihnen verantworteten Bereich das Bestmögliche erreichen möchten. Und doch ist niemand vor „Betriebsblindheit“ gefeit oder er steht unter wirtschaftlichen und politischen Zwängen, die den Blick über den berühmten Tellerrand erschweren. Da kann es für alle Beteiligten ein Gewinn sein, wenn der kritische und unbelastete Blick von außen Denkanstöße gibt. Wie gut so etwas funktioniert hat sich beispielweise beim Testturm in Rottweil gezeigt, der im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Ingenieurbaupreis ausgezeichnet wurde.

In dieser Ausgabe beschäftigt sich ein Beitrag mit einem Forschungsprojekt, das die energetische Sanierung eines Stadtviertels zum Gegenstand hat. Hier  geht es nicht um ein spektakuläres Bauwerk, das weithin sichtbar eine Regionprägt. Hier stehen alltägliche Fragen im Vordergrund, die ebenfalls einen wichtigen  Teil des Berufsalltags von Architekten und Ingenieuren ausmachen: Was kann und wie soll ich planen, wenn die Maßnahmen später erhebliche Auswirkungen auf die Lebensumstände der Nutzer haben. Indem sich beispielsweise ihre monatlichen Belastungen erhöhen oder ein Stadtviertel plötzlich eine ganz andere Zielgruppe anspricht.

Bauen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und geht weit über die reine Planung hinaus. Wie vielschichtig ein Projekt sein kann, findet allerdings selten das verdiente Bewusstsein in der öffentlichen Wahrnehmung.


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