19.02.2018 | 01-02/2018

Europa-Park in Rust baut Wasserwelt „Rulantica“

Elektroplanung für einen Wasserpark

Bild: dasholthaus.de // HF-GmbH

Es ist das derzeit umfangreichste Investitionsprojekt eines Familienunternehmens in Baden-Württemberg und mit rund 150 Millionen Euro die größte Einzelinvestition in der über 40-jährigen Geschichte des Europa-Parks. Auf einem Areal von 450.000 Quadratmetern entsteht bis Ende 2019 eine der größten Wasserwelten in Europa.

Normale Gebäudeplanungen sind ein wenig mit den städtebaulichen Verkehrsplanungen einer Kleinstadt zu vergleichen: Es werden die Hauptverkehrswege und Straßen geplant und dazu noch deren Beleuchtung. Bei einer geschlossenen „Schwimmhalle“ mit 32.600 Quadratmetern, von denen 4.000 Quadratmeter Wasserfläche sind, sowie zusätzlichen 8.000 Quadratmeter Outdoor-Bereich ist dagegen die Elektroplanung eher mit der infrastrukturellen Neuplanung einer Metropolregion vergleichbar. Für solch umfangreiche und im Detail vielschichtige Elektroplanungen gibt es kein Handbuch. „Bei Projekten dieser Dimension gilt es, prozessuales Know-how mit Fachwissen und Erfahrung zu einer Einheit verschmelzen zu lassen und nah am Kunden sowie seinen Bedürfnissen zu arbeiten“, erläutert Dipl.-Ing. Any Aparecida Ferreira da Cruz, verantwortliche Ingenieurin der Firma HF für die Planung des neuen Mega-Schwimmbades.

Schwimmbäder, Wellness-Bereiche mit sogenannten begehbaren Wasserbecken und auch Springbrunnen werden in Deutschland unter anderem nach der DIN VDE 0100-702 geplant. Die Norm allein ist jedoch nicht immer hilfreich, wenn es um die Umsetzung der konkreten Planung geht. Viele Disziplinen bedürfen der gesonderten Begutachtung durch einen Sachverständigen, der bereits in der Planungs- und auch in der Ausführungsphase proaktiv von HF mit in das Projekt integriert wurde. In Zusammenarbeit mit dem Sachverständigen muss zum Beispiel die DIN-Vorschrift teilweise interpretiert werden, denn nicht alles in ihr ist vollumfänglich geregelt.  

Im Südosten der Gemeinde Rust werden die Wasserwelt und ein ergänzendes Themenhotel gebaut.
Bild: Europa Park

Aufgabe 1: Das Element Wasser

Bereits im Kleinkindalter lernen wir, dass Wasser und Elektrizität nicht zusammenpassen und Gefahren mit sich bringen. In Schwimmbädern ist der Mensch zudem nass und ungeschützt, wodurch besondere Vorsicht geboten ist. Es gilt somit, grundsätzlich Elektrik und Wasser möglichst weit voneinander zu verbauen, um jedwedes Risiko zu vermeiden. Hier bietet sich bei Schwimmbädern oftmals die Decke als Installationsort an, schließlich ist sie weit vom Wasser entfernt. Im Falle Rulantica war dies nur bedingt möglich, denn ein Glasdach in 17 Meter Höhe gewährt den Besuchern zukünftig ein Badeerlebnis unter annähernd freiem Himmel. Gelöst wurde die planerische Aufgabe durch die Verlegung fast aller Leitungen innerhalb der Bodenplatte. Aber auch hier stößt man im Schwimmbadbau schnell an Grenzen. Zum einen muss wegen des vielen Wassers und seines Drucks die Armierung im Beton robuster ausgeprägt sein, was wiederum zu weniger Platz für beispielsweise Leerrohre führt. Zum anderen darf natürlich die statische Planung unter den Anforderungen der Elektroplanung nicht leiden und letztlich darf die Fußbodenheizung nicht fehlen. Kurzum: Statiker, Elektroplaner und auch die HLS-Planer müssen bei solch gigantischen Projekten kommunikativ und rechnerisch Höchstleistungen vollbringen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen. 

Im Südosten der Gemeinde Rust werden die Wasserwelt und ein ergänzendes Themenhotel gebaut.
Bild: Europa Park

Aufgabe 2: Kulissen- und Dekorationsbau bedingt agile Planung

Anders als bei sonst üblichen Erlebnis- oder Freizeitbädern ist der gestalterische Anspruch des Europa-Parks an seine Wasserwelt besonders hoch, denn Deutschlands größter Freizeitpark will die Benchmark für Wasserparks in Europa neu setzen. Rulantica wird daher im Innen- und auch Außenbereich eine durchgängige emotionale Thematisierung mit acht Themenbereichen besitzen, angelehnt an die skandinavische Küstenkultur. Für die Elektroplanung bedeutet dies eine wesentlich höhere Planungsleistung, da neben funktionalen Belangen auch Designwünsche berücksichtigt werden müssen. „Beispielsweise können künstlerisch per Hand modellierte Felsen, Fassaden oder Pflanzen im Vorfeld nicht exakt berücksichtigt werden. Dennoch ist es natürlich die Anforderung, die darin verbaute Technik unsichtbar zu machen. Der hierfür erforderliche Aufwand liegt in der dauerhaften Abstimmung mit Designern sowie der nachträglichen agil zu haltenden Ausführungsplanung“, so Any Ferreira. Die Entertainment-Infrastruktur sowie die Lichtplanung, die hausintern seitens der Fachabteilungen des Europa-Parks vorgeschlagen wird, mussten die Planer von HF ebenso regelmäßig auf Umsetzbarkeit prüfen und gegebenenfalls nachjustieren. „Ziel ist es, dem Handwerker eine Planung an die Hand zu geben, die ihn rückfragenfrei sein Werk ausführen lässt“, so die brasilianische Ingenieurin. 

Rulantica bietet einen 32.600 Quadratmeter großen Indoor-Bereich mit nordisch inspirierten Themenbereichen in einer 20 Meter hohen muschelförmigen Halle, eine 8.000 Quadratmeter umfassende Outdoor-Fläche sowie ein 4-Sterne-Erlebnishotel.
Bild: Europa Park

Aufgabe 3: Chlorhaltige Luft bedeutet kürzere Wartungszyklen

Der Chlorgehalt in der Luft ist in Schwimmbädern fast überall hoch. Durch die Chloride wird Korrosion verursacht, was besondere Auswirkungen auf die Elektroinstallation hat. Dies bedingt für Planung zweierlei: Zum einen können dort, wo es sinnvoll ist, chlortaugliche Materialien ausgewählt werden, was meistens mit mehr Kosten verbunden ist. Solche Produkte werden in der Praxis auch gerne als „schwimmbadtauglich“ deklariert. Des Weiteren hat der korrosionsbedingte Verschleiß wesentliche Auswirkungen auf die Wartungsintervalle einer solchen Immobilie. So empfiehlt HF-Geschäftsführer Roland Hofmann einen Intervall von minimal zwei bis maximal drei Jahren und beziffert die Haltbarkeit mancher Bauteile auf durchschnittlich fünf Jahre. „Als ausführender Elektroplaner verfassen wir für den Betreiber unter anderem auch eine Handlungsanweisung für den Wartungszyklus und empfehlen korrespondierende Budgets für die Erneuerung“, erläutert Roland Hofmann.

Aufgabe 4: Elektroplanung in XXL
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um nachzuvollziehen, dass die Planung eines 32.600 m2 großen Gebäudes eine Mammutaufgabe ist. Berücksichtigt man noch den gestalterischen Anspruch des Europa-Parks, gepaart mit ebensolchen Wünschen in Sachen Attraktionen sowie die darüber hinaus notwendige Verknüpfung der Elektroplaner mit vielen anderen Fachingenieuren, so wird das Ausmaß des Projektes schnell unübersichtlich. „Wir arbeiten bereits seit gut zwei Jahren an der Planung, die ausgehend vom ersten Entwurf des Architekturmodells über eine Konzeptionsphase bis hin zur derzeitigen Ausführungsplanung sukzessive von einem ganzen Team vorangetrieben wurde“, so Any Ferreira. „Hierbei gehen wir ganz pragmatisch vor und planen zuerst die wichtigsten Lebensadern des Gebäudes, bevor wir Schritt für Schritt detaillierter werden.“ 

Aufgabe 5: Vergabe- und Bauleitung

Für die Ausführung der Elektroarbeiten kalkulierte Any Ferreira gut 50 Elektromonteure für eine Zeit von zwei Jahren und sorgte sich fortan auch um die Ausschreibung sowie die Vergabe des Großauftrages. Schlussendlich wird der Wasserpark von zwei sich ergänzenden, regional ansässigen Unternehmen elektrotechnisch ausgestattet, wobei HF flankierend die Bauleitung und Kontrolle für dieses Werk übernommen hat. Am Ende wird die Wasserwelt das erste 4-Jahres-Projekt für HF.

www.hf-gmbh.de