01.05.2015 | Ausgabe 05/2015

Editorial

Harald Link

Bild: Harald Link

Liebe Leserinnen und Leser,
alle wollen in die Stadt — was passiert mit dem Land? Die Bundesstiftung Baukultur stellte diese Frage zurecht bei ihrer Baukulturwerkstatt Ende April in Kassel. Die Frage steht exemplarisch für das gesamte Themenspektrum, mit dem sich Stadt-, Regional- und Infrastrukturplaner heute auseinandersetzen müssen. Von Generation zu Generation wandeln sich die Wohnwünsche, auch die Mobilitätsansprüche verändern sich. Das Haus im Grünen, das Leben am Stadtrand war einst der Traum vieler Familien. Dann zog es alle wieder in die Innenstädte – mit der Folge, dass die Preise steigen, teils in exorbitante Höhen. Gentrifizierung und Zuzug tun insbesondere in den Ballungsgebieten das Ihre dazu. Für Geringverdiener und Familien wird das städtische Pflaster damit oft zu teuer, die Wanderungsbewegung in die Vorstädte – oder gleich „weiter raus ins Grüne“, beginnt erneut.
Grundlage jeder Zivilisation ist eine funktionierende Infrastruktur – also das ureigene Betätigungsfeld der Ingenieure. Und die sind gefordert, Systeme zu entwickeln, die flexibel genug sind, auf die sich stetig ändernden Rahmenbedingungen zu reagieren. Das ist nicht einfach, denn wer plant, plant in aller Regel für einen längeren Zeitraum. Wir sehen aber heute, dass nichts mehr als „gesetzt“ gelten kann, weil gesellschaftlicher Wandel in immer kürzeren Phasen erfolgt: Weder die „Autogerechte Stadt“ noch eine mit Milliarden an Steuergeldern subventionierte Atomenergie-Branche hatten wesentlich länger Bestand als über eine Generation hinweg. Und auch bei vielen in jüngster Zeit realisierten Vorhaben – man denke an überdimensionierte Klär- und Abwasseranlagen und Straßennetze in heute stark schrumpfenden Kommunen– ist deutlich, dass der Planungsansatz vermutlich ein zu optimistischer war.
Stadt oder Land? Beide gehen Hand in Hand. Sie sinnvoll (infra)strukturell miteinander zu verknüpfen und sich ihren spezifischen Anforderungen zu widmen: das sind Planungs- und Bauaufgaben, die so schnell nicht enden werden. Einige davon stellen wir in dieser Ausgabe vor – von der Sanierung über die Planung von Flüchtlingsheimen bis hin zur wirtschaftlichen und nachhaltigen Planung von Infrastrukturen.

Harald Link
redaktion@deutsches-ingenieurblatt.de


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