15.09.2020 | Ausgabe 09/2020

Ziegel – robuste Architektur im Geschossbau

Best Practice

Ganz ohne Klimatechnik kommt das Gebäude „2226“ in Lustenau aus. Dank der massiven Ziegelwände sind im Innenraum ganzjährig Temperaturen zwischen 22 und 26 °C. / Bild: Dieter Leistner

Der Ziegel zählt neben Holz und Stein zu den ältesten uns bekannten Baustoffen. Auch wenn die Anforderungen an seine Herstellung komplexer geworden sind, ist die Rationalisierung und der hohe Vorfertigungsgrad ein wesentliches Merkmal dieses Materials. Die Fügung und Schichtung des Ziegels zum sehr stabilen Mauerwerk ist dabei bauteilimmanent und der Grundstein für jeden Geschossbau.

Neben seiner Werthaltigkeit und der kulturellen Bedeutung verfügt der Mauerziegel über spezifische technische und bauphysikalische Eigenschaften, die ihn als besonders geeigneten Baustoff qualifizieren. Seine Tragfähigkeit kann aufgrund unterschiedlicher Druckfestigkeiten exakt den jeweiligen statischen Anforderungen angepasst werden – einerseits, andererseits variiert die Wärmeleitfähigkeit in Abhängigkeit zur Druckfestigkeit und Materialstärke. In den Häusern „2226“ in Lustenau, Emmenweid und Lingenau hat man sich beide Eigenschaften zunutze gemacht. Zwei Poroton Ziegel nebeneinander bilden zusammen die Außenwand. Der innere dient im Wesentlichen der Lastabtragung der Geschossdecken, der äußere Ziegel übernimmt überwiegend die Dämmfunktion. Beide wirken zusammen als monolithisches Bauteil. Bauphysikalische und konstruktive Nachteile, wie sie in der Regel an Schnittstellen zwischen zwei Bauteilen auftreten, werden vermieden.
Neben der tragenden und dämmenden Funktion des Ziegels fokussiert das Gebäude insbesondere auf seine Speichereigenschaften. Neubauten sind vielfach davon geprägt, „leicht“ zu sein, beispielsweise durch abgehängte Decken, aufgeständerte Böden, Trockenbauwände im Innern und hoch wärmegedämmte oder gläserne Wände nach außen. Diese Bauteile haben eines gemein: Sie verfügen über keine relevante Speichermasse. Sie speichern keine Wärme, keine Kühle und keine Feuchtigkeit, die sie an die Raumluft abgeben können. Hinzu kommt, dass die Temperaturleitfähigkeit einer homogenen Wand mit dem Quadrat der Wandstärke wächst. Die Oberflächentemperaturschwankung einer 75 Zentimeter starken Außenwand beträgt nur ein Zehntel einer „normalen“ Außenwand. Anders ausgedrückt: Dicke Außenwände sind träge und wirken wie ein Tiefpassfilter, der kurzfristige Temperaturschwankungen, die zum Beispiel beim Öffnen der Fenster zu Lüftungszwecken entstehen können, nahezu völlig ausgleicht. Das Ergebnis ist ein hohes Maß an Gebäudeselbstregulierung. Zusammen mit der Reduktion der Gebäudetechnik ermöglicht sie ein Maximum an Nutzungs- und Bedienungskomfort.


 

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