18.11.2019 | Ausgabe 11/2019

Vom Glauben an die Sicherheit

Meinung

Katastrophen bewirken in der Gesellschaft, soweit sie dadurch in ihren Grundfesten – Freiheit, Ordnung, Sicherheit – empfindlich berührt wird,

  • zunächst eine umfassende Aufmerksamkeit,
  • dann eine sensible Deutung
  • und schließlich die kritische Schuldzuweisung.

Ist der oder das Schuldige gefunden, folgen Gesetze und verstärkte Präventionsmaßnahmen. Die Schadenshöhe ist dabei maßgebend für die gesellschaftliche Durchsetzung einer risikosenkenden Gesetzgebung. Begleitet wird das vom Glauben an die Vermeidbarkeit einer Katastrophe. Dieser Glaube, Gefahren reduzieren und Risiken beherrschen zu können, wird regelmäßig geboren nach der kollektiven Schadenserfahrung, und er wächst mit den technischen und logistischen Möglichkeiten. Das vor allem im Bauwesen, aber nicht nur dort, wie uns der tragische Fall Anis Amri zeigt: ein Staatsversagen, das unseren Glauben an die vermeintliche Sicherheit erschüttert hat.

Der Glaube an die Sicherheit hatte am Beginn der Technikgeschichte viel mit Gott zu tun, später mit Innovation. Und heute? Heute wird der Glaube an die Sicherheit im Bauwesen strapaziert von stetig steigenden Gebäudeparametern und multiplen Gebäudenutzungen, welche in gleichem Maße das Risiko vergrößern, wie sie die Vorstellung von technischen Möglichkeiten belasten und nicht selten nur durch Feldversuche einer praktischen Umsetzbarkeit zugeführt werden können. Dabei ist der Glaube an die Bauwerkssicherheit total und trügerisch. Trügerisch, weil sich die Wirksamkeit der Prävention erst im Katastrophenfall beweist und auch dann unter der Annahme leidet, dass die Kausalität der Ereignisse eine logische Folge des Sicherheitskonzeptes ist, was bei der ausgesprochenen Dynamik einer Katastrophe und der Vielzahl der unkalkulierbaren, unvorhersehbaren Einflüsse (vor allem der menschlichen Fehler) eine optimistische, mutige und schwer beweisbare Hypothese ist.
Und total, weil wir ein mögliches Versagen ausblenden, weil wir das Restrisiko nicht einkalkulieren, weil wir seine Existenz nicht wahrhaben wollen.

Aber es gibt keine hundertprozentige Sicherheit! Die totale Sicherheit ist unmöglich, wie der ehemalige Bundesinnenminister Schäuble nicht müde wurde zu betonen. Und sie wäre für die Gesellschaft auch unerträglich. Eine alte Weisheit sagt: Jedem vertrauen ist töricht, keinem tyrannisch. Daher garantiert der moderne Staat des 21. Jahrhunderts im demokratischen Abwägungsprozess unter Berücksichtigung der verfügbaren Ressourcen und bei Einhaltung der Verfassung ein angemessenes Sicherheitsniveau. In einer parlamentarischen Demokratie ist es die vom Volk gewünschte Sicherheit. Im Bauwesen handelt es sich um das gesellschaftlich akzeptierte Grenzrisiko, das nicht unterschritten werden darf. Der Erhalt der damit verbundenen Bauwerkssicherheit ist eine ewige Aufgabe, die der Staat nicht nach Belieben, Gutdünken oder in Abhängigkeit von sonstigen dringenden Aufgaben abschaffen, umdrehen oder aussetzen kann. Die verheerenden Bauwerkskatastrophen in anderen Ländern zeugen davon, und so wächst deren Interesse an der deutschen Bauwerkssicherheit.
Die innere Sicherheit ist ein Rechtsversprechen, auf das jeder Bürger einen Anspruch hat. Dieses Rechtsversprechen muss belastbar sein und darf nicht nur durch den Glauben an Sicherheit, sondern um das Wissen darum genährt werden. Dieses Wissen kommt nicht von allein, es muss erarbeitet, manchmal erkämpft und oft verteidigt werden.


 

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