Der Weltfrauentag steht für Gleichstellung und Sichtbarkeit – wo sehen Sie aktuell die größten strukturellen Herausforderungen für Frauen im Ingenieurwesen?
Nach wie vor ist der Frauenanteil in technischen Studiengängen und Ingenieurberufen bei rund 25 Prozent, im Bauingenieurwesen bei rund 30 Prozent. Wir finden zwar zunehmend Frauen in Ingenieurpositionen, doch in Führungsfunktionen oder Spitzenpositionen sind sie weiterhin deutlich unterrepräsentiert.
Hinzu kommen kulturelle Barrieren im Arbeitsumfeld. Zum einen zeigen Studien, dass Frauen tendenziell weniger Anerkennung erfahren und erschwerten Zugang zu Netzwerken haben. Gleichzeitig bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine Herausforderung, vor allem durch die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit. Wir brauchen nicht nur flexible Modelle seitens der Unternehmen, sondern auch eine gesellschaftliche Kultur, die sowohl berufstätige Mütter als auch Väter, die Sorgearbeit übernehmen, selbstverständlich unterstützt.
Diese und weitere Faktoren schaffen eine gläserne Decke, die sich in der geringen Zahl weiblicher Führungskräfte zeigt. Genau hier möchten wir mit ingenieurinnen@bayika ansetzen: Wir schaffen Sichtbarkeit, Vernetzung und Austausch, damit Ingenieurinnen vorankommen, voneinander lernen und ihre Expertise sichtbar wird.
Auch in technisch geprägten Branchen spielen informelle Netzwerke eine zentrale Rolle für Karriereentwicklung. Welche spezifische Bedeutung haben Frauennetzwerke, um Zugang zu Projekten, Führungspositionen und Entscheidungsräumen zu erleichtern?
Informelle Netzwerke sind oft entscheidend, wenn es um wichtige Projekte, neue Aufgaben oder Führungsverantwortung geht. Studien zeigen, dass Ingenieurinnen hier teilweise weniger Zugang zu relevanten Kontakten und Informationen haben, nicht aus bewusster Absicht, sondern weil viele Netzwerke historisch gewachsen und häufig männlich geprägt sind.
Frauennetzwerke setzen genau an diesem Punkt an. Sie geben Frauen die Möglichkeit gezielt Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen zu teilen und sich gegenseitig zu stärken. Besonders wirksam werden sie, wenn sie auf konkrete Unterstützung, Mentoring und echte Ergebnisse ausgerichtet sind. Sie verstehen sich nicht als Abgrenzung, sondern als Ergänzung bestehender Netzwerkstrukturen – sie öffnen Türen.
Für mich ist das der Kern: Netzwerke wie ingenieurinnen@bayika erweitern das berufliche Miteinander, machen Perspektiven sichtbar und helfen, das Potential von Ingenieurinnen noch stärker in die Branche einzubringen. Davon profitieren wir alle, denn Vielfalt ist ein Innovationsmotor.
Kritiker argumentieren gelegentlich, dass separate Frauennetzwerke Exklusivität schaffen. Wie entgegnen Sie diesem Vorwurf – und warum sind solche Plattformen aus Ihrer Sicht weiterhin strategisch notwendig?
Vielleicht entsteht dieser Kritikpunkt manchmal aus der Sorge, selbst ausgeschlossen zu werden. Das kann ich gut verstehen, denn niemand möchte das Gefühl haben, nicht dazuzugehören. Genau deshalb ist es mir so wichtig zu sagen, dass Frauennetzwerke nicht ausschließen. Sie öffnen zusätzliche Begegnungsräume, in denen Frauen sich austauschen, fachliche Stärken sichtbar machen und sich aktiv in die Weiterentwicklung der Branche einbringen können.
Diese Netzwerke bieten Orientierung, Unterstützung und Sichtbarkeit. Und all das stärkt am Ende die gesamte Ingenieurwelt. Denn wenn mehr Frauen ihre Kompetenzen einbringen und Führungsverantwortung übernehmen können, wird unsere Branche vielfältiger, kreativer und zukunftsfähiger.
Für mich sind Netzwerke wie ingenieurinnen@bayika deshalb kein exklusiver Kreis, sondern ein strategisches Werkzeug, das Türen öffnet. Sie ergänzen bestehende Strukturen, fördern Talente und helfen uns allen, die Zukunft des Bauingenieurwesens breiter und resilienter zu gestalten.