Den entscheidenden Impuls lieferten die Landtagsabgeordneten Jürgen Baumgärtner, Vorsitzender des Ausschusses für Wohnen, Bau und Verkehr im Bayerischen Landtag, und Martin Mittag, die die Mittel aus der Fraktionsreserve organisierten. Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner, die das Projekt gemeinsam mit dem Forum Menschen mit Behinderung in der CSU, dessen Vorsitzendem Benedikt Lika und der Behindertenbeauftragten der Stadt Baunach, Sabine Saam, entwickelte, wertet dies als Zäsur: „Damit wird die Realisierung des im Freistaat Bayern bislang einzigartigen Vorhabens maßgeblich ermöglicht. Dafür haben wir die letzten Monate hart gekämpft.“ Für sie gilt: „Barrierefreiheit ist kein Luxus – kein ‚nice-to-have‘ – sondern ein Grundrecht. Sie ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und erhöht die Lebensqualität für alle.“
Gebäudebestand als zentrale Herausforderung
Prof. Dr. Egbert Keßler, Dekan der Fakultät Design und Bauen, benennt den Kern des Problems: „Unser Gebäudebestand ist überwiegend nicht barrierefrei und durch den demografischen Wandel nimmt der Bedarf an barrierefreien und inklusiven Gebäuden in den kommenden Jahrzehnten deutlich zu. Wir brauchen eine gebaute Umwelt, die Begegnung und Teilhabe für alle ermöglicht – im Neubau genauso wie im Bestand.“ Die Professur verankert das Thema in Lehre und Forschung – und verknüpft dabei Architektur und Bauingenieurwesen mit Gesundheitswissenschaften und Sozialer Arbeit. „Gerade die interdisziplinäre Zusammenarbeit eröffnet neue Ideen und Lösungen“, so Keßler.
DIN-Normen allein greifen zu kurz
Sabine Saam, Behindertenbeauftragte der Stadt Baunach, mahnt zur Differenzierung: „Die vorhandenen Baunormen sind oftmals weit entfernt von den tatsächlichen Bedürfnissen von Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Die Studierenden sollen früh lernen, abseits von etablierten – aber manchmal unnötigen – DIN-Normen zu planen. Nur dann ist Barrierefreiheit bedürfnisorientiert.“ Ein Forschungsschwerpunkt liegt neben praxisnahen Lösungen für den Bestand auf der Digitalisierung und dem Einsatz von KI in der Bauplanung.
Kosteneffizienz als erklärtes Ziel
Ein zentrales Anliegen der Professur ist es, barrierefreies Bauen wirtschaftlich darstellbar zu machen. Zeulner: „Aktuell ist barrierefreies Bauen leider noch mit hohen Mehrkosten verbunden. Unser Ziel ist es, durch bessere Planung, innovative Technologien und effizientere Prozesse diese Kosten zu reduzieren – ohne dabei Kompromisse bei der Qualität einzugehen.“ Gisela Raab, Geschäftsführerin von Raab-Bau und Mitglied im Hochschulrat, ergänzt: „Mir ist wichtig, dass barrierefreies Bauen bezahlbar bleibt. Es reichen oft schon 50 Prozent der Maßnahmen, um den Menschen mit Handicap ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.“
Würde als Planungsmaßstab
Hochschulpräsident Prof. Dr. Stefan Gast sieht in der Professur ein Signal weit über die Bautechnik hinaus: „Ob Menschen außen vor sind oder am Alltag teilnehmen können, entscheidet sich oft schon an ganz einfachen Dingen: einer Stufe am Eingang, einer schwer verständlichen Orientierung, einem zu engen Raum.“ Für ihn steht fest: „Jeder Mensch sollte sich selbstverständlich in seiner Umgebung bewegen können – unabhängig von Alter, körperlichen Voraussetzungen oder Einschränkungen. Beim barrierefreien Bauen geht es deshalb nicht nur um Normen oder Technik, sondern um Würde, Selbstständigkeit und Lebensqualität.“ (mb)