Eine Kugel trotzt der Schwerkraft
Es sieht aus, als hätte ein Raumschiff aus einer fernen Galaxie an der oberen Ecke eines historischen Backsteingebäudes angedockt. Die zwölf Meter große Kugel aus Beton und Glas scheint schwerelos zu schweben. Das Bauwerk trägt den Namen „Oscar-Niemeyer-Sphere“ und steht auf dem Gelände der Leipziger Kirow Werke. Über zwei Stockwerke bietet es Raum für ein firmeneigenes Restaurant.
Drei Akteure brachten dieses Projekt zusammen: den seinerzeit bereits 103-jährigen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer, den kunstaffinen Unternehmer Ludwig Koehnen und das ausführende Bauunternehmen Dechant. Gemeinsam realisierten sie eine nahezu freischwebende, kugelförmige Skulptur mit doppelt geschwungenen Bauteilen und den Niemeyer-typischen Freiformkurven aus schneeweißem, hochglattem Beton. Peter Dechant, Geschäftsführer der Dechant Hoch- und Ingenieurbau GmbH, wird später sagen: „Das war das Projekt meines Lebens.“
Neugründung nach der Insolvenz
Das Jahr 2000 markierte nicht nur kalendarisch, sondern auch in der Unternehmenshistorie eine Zeitenwende. Nach der Insolvenz des 1881 gegründeten Familienbetriebs Dechant Bau stand die Familie vor der Frage: Wie weiter? Der damals 35-jährige Diplom-Ingenieur für Bauingenieurwesen, Schweißfachingenieur, IT-Fachmann und dreifache Familienvater Peter Dechant musste entscheiden, ob er das Unternehmen in fünfter Generation wieder aufleben lassen wollte. Gemeinsam mit seinem Bruder Thomas Dechant und mit Unterstützung seines Vaters Alois Dechant entschied er sich dafür. „Ausschlaggebend war das Verantwortungsgefühl für unsere Familie, aber auch für die noch rund zehn verbliebenen Mitarbeiter und deren Angehörige“, so Peter Dechant. Er gründete die Dechant Hoch- und Ingenieurbau GmbH und übernahm deren Geschäftsführung.
Die beiden Brüder besannen sich auf ihre Grundwerte – Fleiß, über 120 Jahre Erfahrung im Hoch- und Tiefbau, Qualität, Offenheit und Transparenz – und fingen noch einmal ganz von vorne an.
Der Theaterneubau als Startprojekt
Gleich das erste Vorhaben stellte hohe Anforderungen: der Neubau des Theaters Erfurt im Stadtteil Brühl, entworfen vom Büro Professor Jörg Friedrich & Partner aus Hamburg. Das Gebäude umfasst zwei Untergeschosse, ein Erdgeschoss und vier Obergeschosse. Ein acht Meter breiter Tunnel im ersten Untergeschoss verbindet Theater- und Werkstattgebäude. Den höchsten Punkt bildet der Bühnenturm, der sich rund 24 Meter über dem Gelände erhebt.
Peter Dechant, der zu dieser Zeit weder über ausreichend Mitarbeitende noch über Maschinen verfügte, fuhr mit einem Laptop nach Erfurt, akquirierte Arbeitskräfte und lieh sich die nötigen Geräte. Am 12. September 2003 erlebten mehr als 800 Gäste die Eröffnung des Theaters mit der Uraufführung der Oper „Luther“ von Peter Aderhold. Peter Dechant war dabei – und wusste, dass sein Unternehmen bestehen konnte.
1.800 Projekte in 25 Jahren
In den folgenden 25 Jahren realisierte Dechant rund 1.800 Bauprojekte mit einem Gesamtauftragsvolumen von circa 2,66 Milliarden Euro – darunter staatliche und kommunale Bauvorhaben, Industriebauten, Wohnanlagen und Großprojekte. Dechant übernahm die komplexen Sanierungsarbeiten an der von Mies van der Rohe entworfenen Neuen Nationalgalerie in Berlin, errichtete die Radrennbahn im Erfurter Andreasried und baute das Galileo-Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen mit seinen elliptischen Grundrissen über neun Meter Höhe. Beim Richtfest des Ernst-Basler-Forums in Berlin, einem anspruchsvollen Sichtbetonbauwerk, lobten die Bauherren: „Die Mitarbeiter der Firma dechant sind keine Handwerker, sie sind Betonkünstler.“
Terminal 3: Rohbau mit der Stahlmenge von sieben Eiffeltürmen
Für den Neubau des Terminal 3 am Frankfurter Flughafen – eines der größten Infrastrukturprojekte Europas – realisierte Dechant den Rohbau des Hauptgebäudes sowie die terminalnahen Außenanlagen. Rund 20 Gewerke fielen in den Verantwortungsbereich des Unternehmens, darunter Stahlbetonbau, Stahlverbundbau, Kanalarbeiten, Erdbau, Außenanlagen und Blitzschutz. Zwischen 150 und 500 Mitarbeitende aus der ganzen Welt arbeiteten zeitgleich auf der Baustelle. Rund 270.000 Kubikmeter Beton und 50.000 Tonnen Betonstahl flossen in den Rohbau – eine Stahlmenge, die etwa sieben Eiffeltürmen entspricht.
Produktionstiefe und neue Werkstoffe
Eine Besonderheit des Unternehmens liegt in seiner hohen Produktionstiefe – von der Projektentwicklung bis zum schlüsselfertigen Bau. Dechant verbindet dabei digitale Technologien wie Building Information Modeling (BIM) mit traditionellem Handwerk und setzt auf CO₂-reduzierten Beton sowie Carbonbeton. (mb)