70 Prozent aller Baumaßnahmen in Deutschland betreffen mittlerweile den Gebäudebestand. Der Neubausektor kämpft mit wirtschaftlichen Problemen, während sich das Bauen im Bestand zum zentralen Markt entwickelt. Ohne eine umfassende Transformation des Gebäudesektors lassen sich Klimaziele nicht erreichen – diese Erkenntnis prägt die Branche heute stärker als jemals zuvor.
Digitale Daten als Voraussetzung für Skalierung
Die Bundesarchitektenkammer beziffert in ihrer Broschüre „Digitalisierung und Bauen im Bestand“ den Anteil von Baumaßnahmen im Bestand in Deutschland auf rund 70 Prozent. Dieser hohe Anteil verdeutlicht die enorme volkswirtschaftliche Bedeutung der Bestandssanierung. Experten betonen, dass datenbasierte Tools eine zwingende Voraussetzung darstellen, um energetische Sanierungen effizient und wirtschaftlich umzusetzen.
Analysen im Kontext von „Deep Retrofit Models“, einem ganzheitlichen Ansatz zur tiefgreifenden energetischen Sanierung von Gebäuden, zeigen: Komplexe Sanierungsvorhaben werden erst dann skalierbar, wenn ihnen präzise digitale Daten zugrunde liegen. Diese bilden die Basis für alle folgenden Planungsschritte im Projekt. Die Digitalisierung fungiert somit als wesentlicher Enabler für die Neuausrichtung des Gebäudebestands.
Von der Punktwolke zum BIM-Modell
Projektleiterin Cornelia Lutz erklärt: „Bauen im Bestand ist kein Nischenthema mehr, sondern ein Zukunftsmarkt. Angesichts des hohen Sanierungsbedarfs braucht es digitale Ansätze, um Gebäude zu erhalten, Ressourcen effizient zu nutzen und nachhaltige Lösungen sichtbar zu machen – Ideen, die wir auf der digitalBAU diskutieren.“
Die Scan-to-BIM-Methode ermöglicht es, durch Laserscanning und Photogrammmetrie präzise digitale Abbilder der gebauten Realität zu erzeugen. Diese Punktwolken dienen als Grundlage für weiterführende BIM-Modelle, deren Informationstiefe weit über geometrische Daten hinausgeht. Simulationen von Sanierungsszenarien erlauben es, verschiedene energetisch optimierende Maßnahmen bereits vor dem Baustart präzise zu berechnen, gegenüberzustellen und abzuwägen.
Gebäude als Materiallager dokumentieren
Die Relevanz der Kreislaufwirtschaft wächst dank digitaler Lösungen und Tools. Die im Gebäude verbauten Materialien lassen sich identifizieren und in einem digitalen Gebäude-Ressourcenpass für weiterführende Betrachtungen dokumentieren. Solche datengetriebenen Ansätze ermöglichen es, den Bestand als wertvolles Materiallager für die Zukunft zu begreifen, den Ressourcenschutz zu stärken und die Nachhaltigkeit im Bauwerkslebenszyklus zu erhöhen.
Praxislösungen für Architekten und Bauunternehmen
Die Aussteller präsentieren Produkte, die sich direkt in den Arbeitsalltag von Architekturschaffenden, Planungsbüros, Bauunternehmen und Fachhandwerk integrieren lassen.
BRZ (Halle 8, Stand 428) zeigt Lösungen zur Digitalisierung kaufmännischer und projektbezogener Prozesse in Baubetrieben mit einem Schwerpunkt auf dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Anwendungsfelder sind unter anderem Projekte im Bestand, die häufig durch komplexe Ausschreibungen, unvollständige Bestandsunterlagen und enge Fristen geprägt sind. Neben einer bereits etablierten KI-gestützten Kalkulation stellt BRZ eine neue Assistenzlösung vor, die projektbezogene Informationen bereitstellt und einfache Aufgaben im System unterstützt.
Der FARO Focus, ein 3D-Laserscanner zur digitalen Erfassung von Bestandsgebäuden, ermöglicht die schnelle Aufnahme präziser 3D-Daten. Diese lassen sich direkt weiterverarbeiten und in digitale Planungs- und Analyseprozesse einbinden (Halle 8, Stand 320).
Die Nemetschek Group (Halle 8, Stand 402) stellt mit Allplan Lösungen für die digitale Arbeit im Bestand vor – von der Erfassung vorhandener Gebäude über die automatisierte Rekonstruktion bis hin zur energetischen Analyse. Ergänzend decken Frilo und Scia statische Berechnungen und Optimierungen für Bestandskonstruktionen ab, etwa bei der Ertüchtigung von Holz- und Betonelementen oder bei Aufstockungen mit reduziertem Material- und CO₂-Einsatz.
PlanRadar (Halle 8, Stand 318) zeigt die effiziente Umsetzung von Digitalisierungsprozessen im Bestand. Mit der Plattform lassen sich Mängel, Aufgaben und Bestandsdaten direkt vor Ort mobil erfassen und in Echtzeit an die zuständigen Gewerke verteilen. So können Sanierungsfortschritt, Qualität und Termine transparent nachverfolgt und Probleme frühzeitig behoben werden.
Fachvorträge zu Energieeffizienz und Bestandsdigitalisierung
Ein Rahmenprogramm auf der Main Stage und der Neo Stage ergänzt die Messe. Experten diskutieren über Best-Practice-Beispiele und zeigen Optionen für die Bestandsdigitalisierung auf.
René Hommel vom Planungs- und Beratungsunternehmen Arup hält einen Vortrag über das hybride Demonstrationsmodell DEEP, welches Energieeffizienzmaßnahmen im Wohngebäudebestand veranschaulicht (Mittwoch, 25. März 2026, 14 Uhr, Main Stage). Ebenfalls am zweiten Messetag spricht Sarah Dungs, Vorsitzende des Verbandes Bauen im Bestand, über das Thema „Bestand als Standard“ (Mittwoch, 25. März 2026, 15:30 Uhr, Main Stage).
Das vollständige Rahmenprogramm steht ab Februar 2026 auf der digitalBAU-Webseite zur Verfügung. (mb)