Raus aus der Nische
Sebastian Fink, Vorsitzender der LIB NRW e. V. und Technischer Leiter der SBS GmbH in Mülheim, unterstrich in seiner Begrüßung die gewachsene Bedeutung der Betoninstandhaltung. Während Schäden an Brücken und Verkehrsbauwerken zunehmend im öffentlichen Fokus stehen, rückt auch die Instandhaltung anderer Bauwerke stärker ins Bewusstsein von Medien, Auftraggebern und Fachöffentlichkeit. Die Betoninstandsetzung habe damit „den Schritt aus der Nische ins Rampenlicht vollzogen“, so Fink. „Die hohe Resonanz mit 392 angemeldeten Teilnehmern und 36 Ausstellern aus allen Bereichen der Betoninstandhaltung belegt eindrucksvoll die Relevanz der Veranstaltung“, betont Fink. Damit zählt das Symposium zu den teilnehmerstärksten seiner Art bundesweit – und spiegelt die Entwicklung der LIB NRW wider, die seit ihren Anfängen in den 1990er-Jahren mit wenigen Dutzend Zuhörern kontinuierlich gewachsen ist.
Fachkräftemangel: Die Bauwirtschaft steht unter strukturellem Druck
Einen gewichtigen inhaltlichen Schwerpunkt setzte Univ.-Prof. Dr.-Ing. Manfred Helmus von der Bergischen Universität Wuppertal mit seinem Beitrag zur Fachkräftegewinnung in der Betoninstandsetzung. Ausgehend von aktuellen Kennzahlen zu Energie- und Rohstoffpreisen, wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und dem demografischen Wandel zeigte er auf, unter welchem strukturellen Druck die Bauwirtschaft steht. Besonders im Baugewerbe verschärfen eine überalternde Belegschaft, rückläufige Studentenzahlen im Bauingenieurwesen und eine weiterhin geringe Frauenquote den Fach- und Führungskräftemangel.
Vor diesem Hintergrund stellte Prof. Helmus die Ergebnisse des vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat geförderten Forschungsprojekts „Moderne Bauleitung (MOBAU)“ vor. Ziel des Projekts: praxisnahe Arbeitsmodelle für kleine und mittelständische Unternehmen entwickeln, die sowohl Produktivität und Qualität auf der Baustelle sichern als auch die Attraktivität der Bauleitung als Berufsfeld erhöhen. Als empirische Basis dienten bundesweite Studentenbefragungen sowie Experteninterviews mit Bauleiterinnen und Bauleitern, Geschäftsführungen sowie Vertreterinnen und Vertretern von Kammern und Verbänden.
New Work auf der Baustelle
Die Ergebnisse verdeutlichten eine klare Diskrepanz zwischen den Erwartungen junger Nachwuchskräfte und der Realität in der Baupraxis. Während Themen wie zeitliche Flexibilität, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, persönliche Weiterentwicklung und Digitalisierung an Bedeutung gewinnen, prägen lange Arbeitszeiten und Mehrfachbelastungen den Alltag in der Bauleitung. Als Lösungsansatz übertrug Prof. Helmus das Konzept „New Work“ auf die Bauwirtschaft und postulierte modulare Handlungsoptionen: flexible Arbeitszeitmodelle, mobile Arbeitsorte, transparente Arbeitszeitdokumentation, neue Vergütungs- und Bonifikationssysteme sowie gezielte Entlastungsinstrumente. Die praxisnahe Validierung zeigte überwiegend positive Effekte auf Produktivität, Effizienz und Mitarbeiterzufriedenheit und unterstrich die strategische Bedeutung moderner Arbeitsmodelle für die Zukunftsfähigkeit der Branche.
Regelwerke im Wandel: Von VOB/C bis Carbonbeton
An die strategisch-personellen Fragestellungen schloss sich der fachlich-technische Block an. Dipl.-Ing. Siegfried Bepple (GQ Quadflieg Bau GmbH) gab einen Überblick über den aktuellen Stand der Regelwerke in der Betoninstandsetzung. Im Mittelpunkt standen Anpassungen der VOB/C ATV DIN 18349, insbesondere zu Nachweisen der Verwendbarkeit, zur Abgrenzung von Neben- und Besonderen Leistungen sowie zu präzisierten Abrechnungsregelungen. Darüber hinaus erläuterte Bepple den Stand der DAfStb-Richtlinie zur Verstärkung von Betonbauteilen – einschließlich der zunehmenden Berücksichtigung von Carbonbeton – sowie die derzeit in Überarbeitung befindliche Spritzbetonnorm. Neben inhaltlichen Klarstellungen thematisierte er auch Anforderungen an Ausführung, Überwachung und Qualifikation des Personals. Ein Ausblick auf die Weiterentwicklung der Instandhaltungsrichtlinie verdeutlichte den Trend zu stärkerer Praxistauglichkeit und Fokussierung auf wesentliche Anforderungen.
Schadstoffe im Bestand: Asbest, PCB und PAK als Planungsfaktor
Einen weiteren zentralen Praxisaspekt beleuchtete Dr. rer. nat. Diana Holzwarth (ICP Rhein-Main GmbH, Frankfurt am Main) mit ihrem Vortrag zu Gebäudeschadstoffen bei der Betoninstandsetzung. Anhand von Erfahrungen aus der Praxis zeigte sie auf, dass Schadstoffe wie Asbest, PCB und PAK in Bestandsbauwerken häufig in Abdichtungen, Fugendichtstoffen, Beschichtungen, Abstandshaltern oder Fassadenplatten auftreten. Diese Stoffe stellen nicht nur ein erhebliches Risiko für Gesundheit und Umwelt dar, sondern beeinflussen auch Bauabläufe, Arbeitsschutzmaßnahmen und Entsorgungskosten maßgeblich. Dr. Holzwarth betonte daher die Notwendigkeit, bereits in der Planungsphase neben den Vorgaben der TR Instandhaltung auch die einschlägigen Regelwerke zur Arbeitssicherheit und fachgerechten Entsorgung konsequent zu berücksichtigen – etwa LAGA-Vorgaben, PCB- und Asbestrichtlinien sowie die Ersatzbaustoffverordnung. Eine systematische Schadstoffanalytik als Bestandteil der Bestandsuntersuchung schafft Transparenz, macht Risiken beherrschbar und ermöglicht belastbare Instandhaltungs- und Entsorgungskonzepte. Im Kontext steigender Nachhaltigkeitsanforderungen zeigte sich: Professionelles Schadstoffmanagement bildet einen wesentlichen Baustein ressourcenschonenden Bauens im Bestand.
Technik trifft Paragraf: Betoninstandsetzung im WHG-Umfeld
Die Brücke zwischen technischen Anforderungen und wasserrechtlichen Vorgaben schlug der Vortrag von Ing. MBE Marek Köster (Hochbau Niederrhein GmbH, Emmerich / Mainka Bau GmbH, Lingen) und Ing. Tobias Dankert, M.Eng. (ARU Ingenieurgesellschaft, Lingen). Die Referenten beleuchteten die regelwerkskonforme Instandsetzung von Betonbauwerken im Anwendungsbereich des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG) und der AwSV. Im Fokus standen die besonderen Anforderungen an Planung, Ausführung, Überwachung und Dokumentation von Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen sowie von HBV- und JGS-Anlagen. Dabei trat das Spannungsfeld zwischen bautechnischer Lösung, Genehmigungsrecht und Betreiberverantwortung offen zutage. Aktuelle Daten zum Zustand prüfpflichtiger Anlagen zeigten einen hohen Instandsetzungsbedarf, insbesondere bei Dichtflächen. Die Referenten betonten die Bedeutung einer qualifizierten Planung, systematischen Zustandserfassung und verwendungsnachweisorientierten Systemauswahl. Praxisnahe Systembeispiele ergänzten den Vortrag. Insgesamt bestätigte sich: Eine rechtssichere Betoninstandsetzung im WHG-Umfeld gelingt nur durch das enge Zusammenspiel von Technik, Regelwerk und Dokumentation.
Abnahmerecht: Schnittstelle zwischen Technik und Vertrag
Juristische Perspektiven zur Abnahme von Betoninstandsetzungsbaustellen steuerte RA Michael Kirsch (Kirsch & Kollegen Rechtsanwälte, Aachen) bei. Im Fokus standen Zustandsfeststellung und Abnahme auf Grundlage des aktuellen Bauvertragsrechts gemäß §§ 650 a ff. BGB. Der Vortrag verdeutlichte die zentrale Rolle der Abnahme als Schnittstelle zwischen technischer Ausführung, Planung und vertraglichen Grundlagen. Neben juristischen Aspekten ordnete Kirsch auch fachlich-technische Normen – wie das Zement-Merkblatt zu wasserundurchlässigen Bauwerken aus Beton – in den Kontext der Abnahme ein. Anhand anschaulicher Beispiele erläuterte er die Zusammenhänge zwischen „Sachfragen“ und „Rechtsfragen“ und zeigte auf, welche Anforderungen sich aus Planung und Vertrag für eine rechtssichere Abnahme ergeben. Ein Ausblick auf aktuelle Entscheidungen des 7. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs rundete den Vortrag ab und unterstrich die wachsende Bedeutung rechtlicher Klarheit in der Betoninstandsetzung.
Ausblick
Das 33. Fachsymposium „Betoninstandhaltung heute für die Zukunft“ findet am 2. Februar 2027 im Kongresszentrum der Dortmunder Westfalenhalle statt. (mb)