Das Projekt verbindet den rauen Industriecharakter der Kornspeicher mit Transparenz und Tageslicht – und schreibt die Geschichte des Ortes sichtbar fort. Die architektonischen Leitlinien der Überseeinsel GmbH als Bauherrin forderten, sowohl den Industriecharakter als auch die Symbolkraft des Silogebäudes zu bewahren. Diese Vorgabe prägte den Entwurf von Delugan Meissl entscheidend.
3.500 Kubikmeter Beton per Schubkarre
Das Planungsteam erhielt die charakteristische Silhouette der acht Speicher, die einst bis zu 5.000 Tonnen Mais, Weizen und Hafer fassten. Im Inneren entstanden kreis- und halbkreisförmige Zimmer auf 14 Etagen in den rund 40 Meter hohen, ehemals fensterlosen Betonröhren. Um die Räume mit Tageslicht zu versorgen, frästen die Ausführenden horizontale Fensterbänder in die 16 Zentimeter dicken Betonringe – mit Ausblicken über die Weser. Die neuen Zwischendecken zur Erschließung der Räume fertigten Handwerker aufwendig in Handarbeit, ein Prozess, der erheblichen Zeit- und Personalaufwand erforderte. Den beim Fräsen angefallenen Betonschutt von etwa 3.500 Kubikmetern transportierten die Beteiligten vollständig per Schubkarre ab.
Industrielle Spuren in der Lobby
Die Hotellobby befindet sich im Erdgeschoss des ehemaligen Kornspeichers, direkt unter den umgebauten Silos. Die trichterförmigen Auslässe der Speicher blieben erhalten und zeugen von der industriellen Vergangenheit des Ortes. Roh belassene Betonwände und sichtbare Gebäudetechnik unterstreichen den rauen Charakter. Geschosshohe Glasfassaden auf beiden Längsseiten bringen großzügig Tageslicht in die weitläufige Lobby. Sieben in die Pfosten-Riegel-Konstruktionen integrierte Maximal-Schiebefenster von Solarlux schaffen fließende Übergänge zu den Außenterrassen auf der Nordwest- und Ostsüdseite.
Gastronomie in 40 Metern Höhe
Auf der obersten Ebene ersetzte ein neuer Gastronomie- und Eventbereich einen bestehenden Aufbau. Auch hier umschließen raumhohe Pfosten-Riegel-Fassaden den Raum vollständig. Jeweils vier großformatige cero-Schiebefenster von Solarlux auf jeder Längsseite ermöglichen schwellenlose Zugänge zu den halbkreisförmigen Terrassen, die die Silotürme in rund 40 Metern Höhe abschließen.
Bautoleranzen als zentrale Herausforderung
Das Unternehmen POP Fassadenberatung verantwortete die Ausführungsplanung der Fassaden – von der Detailplanung bis zur Ausschreibung und Vergabe. Zu den größten Herausforderungen zählten die erheblichen Bautoleranzen des Bestands sowie das architektonische Konzept.
„Unsere Aufgabe bestand darin, möglichst viel Originalsubstanz zu erhalten und die neuen Strukturen dezent zu integrieren“, erklärt Gert Matthes, geschäftsführender Gesellschafter und Projektleiter von POP Fassadenberatung.
Zur Erarbeitung der Lösung realisierte das Team drei Fassadenvarianten als Mock-ups aus Holz – komplette Silo-Segmente im Maßstab 1:1. Die eingefrästen Fensterbänder sollten durch spiegelnde Oberflächen und flächenbündigen Einbau nahezu unsichtbar bleiben. Eine weitere Herausforderung stellte die energetische Ertüchtigung dar: Die eingesetzten Wärmedämmverbundsysteme erforderten eine spezielle Prüfung und Zulassung.
Bauphysik zwischen Küste und Korrosion
Sowohl die Lobby als auch der Gastronomiebereich erhalten durch die raumhohen Glasfassaden mit integrierten Schiebefenster-Systemen von Solarlux viel Tageslicht. Die filigranen Profile der Baureihen cero II und cero III bieten auch im geschlossenen Zustand nahezu ungestörte Ausblicke, da der Glasanteil bei bis zu 98 Prozent liegt.
Fast alle cero-Anlagen bestehen aus vier Elementen: zwei seitlichen Festverglasungen und zwei mittig angeordneten Schiebeflügeln. Diese gleiten auf schwellenlosen Edelstahl-Laufschienen zur Seite und parken vor den Festverglasungen. Im Dachaufbau kam die hochwärmegedämmte cero III mit Dreifachverglasung zum Einsatz. Mit einem Wärmedurchgangskoeffizienten von bis zu 0,8 W/(m²K) und der Windwiderstandsklasse C5 nach DIN EN 12210 erfüllt das System die bauphysikalischen Anforderungen an Energieeffizienz sowie Winddruck und -sog. Im Erdgeschoss setzten die Planer das System cero II mit Zweifachverglasung ein, das mit einem Wärmedurchgangskoeffizienten von bis zu 1,35 W/(m²K) und der Windwiderstandsklasse B4 den dortigen Vorgaben genügt.
Projekt: Sanierung und Umnutzung ehemalige Kellogg´s Reislager & Silo
Ort: Auf der Muggenburg 30, 28217 Bremen
Architektur / Entwurf: Delugan Meissl Associated Architects, Wien, Projektleitung: Eva Schrade, Mitarbeit: Birgit Miksch, Julia Oblitcova, Klaudia Prikrill, Martin Schneider
Ausführungsplanung Fassaden: POP Fassadenberatung, Oyten, Projektleitung: Gert Matthes
Planungsbeginn: 2018
Bauzeit: 2020 – 2024
Nutzfläche gesamt: 9.447,02 m² (Reislager), 9.142,52 m² (Silo)
Bruttorauminhalt: 37.336,94 m³ (Reislager), 32.263,81 m³ (Silo)
Grundstücksfläche: 4.965 m² (Reislager), 2.195 m² (Silo)
Gebäudehöhe: 24,5 m (Reislager), 52,4 m (Silo)
Geschossanzahl: 14 (Silo), 4 (Reislager)
Die unmittelbare Küstennähe machte einen erhöhten Materialschutz notwendig. Durch die Voranodisation der Aluminiumprofile sichert das System auch unter hoher Salz- und Feuchtebelastung einen dauerhaften Korrosionsschutz.
Zusammenarbeit ab der frühen Planungsphase
Die Fassadenplaner entschieden sich für das Solarlux-System cero, nachdem sich die Zusammenarbeit mit dem Hersteller bereits in früheren Projekten bewährt hatte. „Produktentscheidend für uns ist vor allem eine gute Zusammenarbeit mit dem Hersteller schon in frühen Planungsphasen. Wir benötigen schnelle Antworten auf technische Fragen – und das hat mit Solarlux hervorragend funktioniert“, betont Gert Matthes.
Für die behutsam revitalisierte Industriearchitektur auf der Bremer Überseeinsel hat das Architekturbüro Delugan Meissl den Sonderpreis des Deutschen Städtebaupreises 2025 erhalten (mb).