Holz hat als konstruktiver Baustoff eine gesicherte normative Grundlage. Lehm und Stroh hingegen fehlen belastbare Datengrundlagen, Bemessungsmodelle und eine baurechtliche Einordnung, die über experimentelle Einzelprojekte hinausgeht. Die neue Professur setzt genau an diesem Punkt an: Tragende Lehmbauweisen wie Lehmmauerwerk und Stampflehm sollen weiterentwickelt und normativ eingeordnet werden, die Bio-Stabilisierung von Lehmbaustoffen soll Untersuchungsgegenstand sein, und für den Strohballenbau gilt es, tragfähige Konstruktions- und Bemessungsmodelle zu erarbeiten. Dazu erhebt Wiehle experimentelle und numerische Daten, die als Grundlage für nationale und europäische Normungsvorhaben dienen sollen.
Beim Stroh geht es darum, Tragmodelle zu etablieren, die die spezifischen Materialeigenschaften berücksichtigen – von der Pflanzenart über die Faserstruktur bis zur Verarbeitung zu Ballen – und so einen standardisierten Einsatz ermöglichen. Das Ziel: Lehm und Stroh sollen mittelfristig als echte Alternativen zu Stahlbeton und Mauerwerk verfügbar sein und messbar zur Reduktion von CO₂-Emissionen und Abfallmengen im Bauwesen beitragen.
„Weiter so ist keine Option“
Wiehle sieht den Umbau des Bausektors als zwingend notwendig. Der Bausektor gehöre zu den größten Ressourcenverbrauchern weltweit, und ein „Weiter so“ mit konventionellen Baustoffen sei angesichts Klimakrise, Energieunsicherheit und Wohnungsbedarf keine Option. Es brauche eine „disruptive Entwicklung“, die den Wohnungsbau in klimaverträgliche und ressourcenschonende Bahnen lenke. Regionale, biobasierte Baustoffe böten dafür erhebliche Potenziale, wenn sie mit dem Wissen und den Technologien der Gegenwart kombiniert würden: „Rückblicken heißt in diesem Zusammenhang nicht zurückschreiten.“
Verzahnung mit bestehender Forschung
Die Professur knüpft an laufende Arbeiten der HBC an. Das Institut für Holzbau forscht bereits zu Lehmbauweisen und anderen biobasierten Baustoffen und hat 2025 mit dem ersten „Earth Builder Summit“ eine Fachplattform für das Bauen mit Lehm und regionalen Materialien etabliert. Wiehles Professur verzahnt diese Aktivitäten mit der Holzbaukompetenz der Hochschule zu einem integralen Ansatz für biobasiertes Bauen.
Reallabore statt Frontalbetrieb
In der Lehre setzt Wiehle auf kooperative und projektorientierte Formate. Interdisziplinäre Reallabore, in denen Studierende der Architektur und des Bauingenieurwesens gemeinsam an realen Fragestellungen aus Holz-, Lehm- und Strohbau arbeiten, sollen Bestandteil des Studiums werden. Dabei ist ihm eine offene Fehler- und Feedbackkultur wichtig: Lernprozesse sollen sichtbar sein dürfen, Experimente sind ausdrücklich Teil des Konzepts.
Vom Zimmerer zur Doktorarbeit über Feuchteeinfluss
Wiehle bringt einen ungewöhnlichen Werdegang mit: Eine handwerkliche Ausbildung als Zimmerer bildet die Basis, auf der er das Bauingenieurstudium an der Technischen Universität Berlin absolvierte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war er an der ETH Zürich, am Future Cities Laboratory Singapur sowie an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin tätig. Seine Promotion befasste sich mit dem „Einfluss der Feuchtigkeit auf das Tragverhalten von Lehmmauerwerk“. Seit Januar 2025 leitet er zudem den Bereich Forschung und Entwicklung bei einem Hersteller von Lehmbaustoffen.
Die Carl-Zeiss-Stiftung fördert die Professur mit bis zu 1,8 Millionen Euro über fünf Jahre. (mb)