Er skizzierte dabei die Herausforderungen, vor denen speziell Norddeutschland steht: „Der Meeresspiegel wird steigen. Wir werden häufiger Dürresommer, erleben. Wir werden häufiger mit Starkregen umgehen. Hochwasserschutz wird für küstennahe Städte wie Lübeck immer wichtiger werden.“ Für Nehlsen sind das keine alarmistischen Szenarien, sondern nüchterne Zustandsbeschreibungen – und der Ausgangspunkt für seine Forschungsagenda.
Interdisziplinär statt isoliert
Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in der Fachgruppe Angewandte Wasserforschung sucht Nehlsen nach konkreten Lösungswegen. „Wir denken an der TH Lübeck das Forschungsgebiet Wasserbau als interdisziplinäre Systemwissenschaft“, sagt er. Seine Werkzeuge: Kooperation über Fachgrenzen hinweg, enge Verzahnung von Forschung und Lehre sowie ein kontinuierlicher Austausch mit Praxispartnern.
„Im Rahmen meiner Professur für Naturnahen Wasserbau möchte ich zur modernen Ausbildung des Ingenieurnachwuchses beitragen, nachhaltige und ganzheitliche Lösungen für praktische Fragestellungen des naturnahen Wasserbaus entwickeln und die Einwerbung und Durchführung entsprechender Forschungsaktivitäten vorantreiben“, zählt Nehlsen seine Ziele auf.
Vom Hamburger Institut an die Trave
Der gebürtige Lübecker studierte Bauingenieurwesen und Umwelttechnik an der TU Hamburg und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Institut für Wasserbau. Ab 2014 verantwortete er dort als Oberingenieur diverse Formate in Forschung und Lehre. Seine Promotion bei Prof. Peter Fröhle über die „Wasserbauliche Systemanalyse zur Bewertung der Auswirkungen des Klimawandels für tidebeeinflusste Nebengewässer“ schloss er 2016 ab. Danach leitete er an der TU Hamburg Projekte im Fluss- und Küstenwasserbau, in der Wasserwirtschaft, der Gewässerkunde und der Hafenplanung.
Gutachter, Netzwerker, Feuerwehrmann
Nehlsen bringt ein dichtes Netzwerk mit: Seit Jahren arbeitet er als Gutachter im Bereich Wasserbau und als Referent für Ausbildung beim Bund der Ingenieure für Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft und Kulturbau (BWK) im Landesverband Schleswig-Holstein. Darüber hinaus engagiert er sich in der International Association for Hydro-Environment Engineering and Research (IAHR) und der Hafentechnischen Gesellschaft (HTG). In seiner Freizeit gehört er zur Freiwilligen Feuerwehr Lübeck-Schönböcken.
Im Labor rechnen, am Graben messen
Als Studiengangsleiter des Bachelor-Studiengangs Bauingenieurwesen setzt Nehlsen auf eine aktivierende Lehrweise. Die Verzahnung mit der Forschung zeigt sich konkret: Im Modul Hydromechanik experimentieren, dokumentieren und rechnen die Studierenden im Wasserbaulabor. Im Modul Wasserbau messen und beobachten sie anschließend vor Ort – etwa am Niemarker Landgraben – und planen die naturnahe Gestaltung. „Ziel ist es, dass Studierende die wasserbaulichen Themen in einen übergeordneten Kontext verorten können und das für das moderne Wasserbauingenieurwesen erforderliche Bewusstsein für interdisziplinäre Ansätze und integriertes Denken verinnerlichen“, so Nehlsen. „Wir brauchen ganzheitliche Lösungen, keine Einzeloptimierung.“
Ökologie mitdenken: Gewässer naturnah gestalten
Nehlsens Forschungsagenda kreist um die Anpassung an die Folgen des Klimawandels: Hochwasserschutz und Wassermanagement in Flussgebieten und Küstenzonen, Wassermanagement in Niederungsgebieten sowie Hydro- und Morphodynamik naturnaher Gewässer. Das Ziel: nachhaltige Konzepte und konkrete Lösungsideen für aktuelle wasserbauliche Fragestellungen.
„Hierzu ist eine integrierte Betrachtung unbedingt erforderlich, da zeitliche und räumliche Wirkungen im Spannungsfeld unterschiedlicher Nutzungen zu berücksichtigen sind“, so Nehlsen. Einen Wandel sieht er bereits: Während unter der Überschrift „Kulturbau“ noch vor wenigen Jahrzehnten überwiegend der land- und forstwirtschaftliche Nutzen im Vordergrund stand, rückt heute die Ökologie ins Zentrum – wie es auch die Wasserrahmenrichtlinie fordert. „Ich bringe Gewässer wieder in einen naturähnlichen Zustand zurück“, sagt er. Und diese Einschätzung sei kein Optimismus, sondern Realismus. (mb)