Start » Ingenieurwesen » Nachhaltigkeit
Das Bruchbild nach dem Biegeversuch: Reicht die Qualität der alten Fensterscheibe aus, um sie in neuen Mehrfachgläsern wiederzuverwenden? © Louis Dickhaut
Das Bruchbild nach dem Biegeversuch: Reicht die Qualität der alten Fensterscheibe aus, um sie in neuen Mehrfachgläsern wiederzuverwenden? © Louis Dickhaut

Fensterglas im Kreislauf: Technisch machbar, wirtschaftlich ungenutzt

Fensterglas im Kreislauf: Technisch machbar, wirtschaftlich ungenutzt

Fensterglas im Kreislauf: Technisch machbar, wirtschaftlich ungenutzt

Forscher der Hochschule München entwickeln Prüfverfahren für gebrauchtes Flachglas

Forscher der Hochschule München entwickeln Prüfverfahren für gebrauchtes Flachglas

Forscher der Hochschule München haben ein Verfahren entwickelt, das die Wiederverwendung von Fensterglas im großen Maßstab erstmals realisierbar macht. Rund 150 Millionen unbeschichtete Isolierglasfenster aus den 70er bis 90er Jahren stehen in den kommenden Jahren zur Erneuerung an – grob geschätzt 220.000 Tonnen Glas pro Jahr, entsprechend 11.000 LKW-Ladungen. Bislang landet dieses Material im Downcycling.

Forscher der Hochschule München haben ein Verfahren entwickelt, das die Wiederverwendung von Fensterglas im großen Maßstab erstmals realisierbar macht. Rund 150 Millionen unbeschichtete Isolierglasfenster aus den 70er bis 90er Jahren stehen in den kommenden Jahren zur Erneuerung an – grob geschätzt 220.000 Tonnen Glas pro Jahr, entsprechend 11.000 LKW-Ladungen. Bislang landet dieses Material im Downcycling.

Das Bruchbild nach dem Biegeversuch: Reicht die Qualität der alten Fensterscheibe aus, um sie in neuen Mehrfachgläsern wiederzuverwenden? © Louis Dickhaut
Das Bruchbild nach dem Biegeversuch: Reicht die Qualität der alten Fensterscheibe aus, um sie in neuen Mehrfachgläsern wiederzuverwenden? © Louis Dickhaut

Rohstoff mit Potenzial

„Unser Ziel ist es, den Stoffkreislauf zu schließen“, sagt Professor Martien Teich von der Hochschule München. „Fensterglas wird bisher überhaupt nicht wiederverwendet – bestenfalls wird es eingeschmolzen und zu Flaschen beziehungsweise Glaswolle verarbeitet oder man nutzt es als Füllmaterial im Straßenbau.“ Dabei stellt altes Flachglas für die Bauwirtschaft eine wertvolle Ressource dar: Da die Glasherstellung material- und energieintensiv ist, ließen sich durch Wiederverwendung erhebliche Mengen an Rohstoffen und Emissionen einsparen.

Oberflächenqualität als Festigkeitsindikator

Der Grund, warum die Branche gebrauchte Scheiben bisher nicht für neue Fenster nutzt, liegt laut Teich vor allem an fehlenden Qualitätsstandards: „Die Hersteller brauchen Sicherheit, dass die verwendeten Materialien ihre Anforderungen erfüllen. Bisher gab es jedoch keinen Ansatz, die technischen Eigenschaften gebrauchter Flachgläser zu prüfen.“ Teichs wissenschaftlicher Mitarbeiter Sebastian Wernli, Industriedesigner und Spezialist für Kreislaufwirtschaft, hat im Labor die optischen und mechanischen Eigenschaften hunderter Glasproben untersucht. Jede Probe positionierte er vor einem schwarzen Hintergrund und bestrahlte sie von hinten, um Kratzer sichtbar zu machen. Im anschließenden Biegeversuch belastete Wernli die Proben – neue wie gebrauchte Flachgläser – bis zum Bruch, um ihre Festigkeit zu bestimmen.

Forschen zur Wiederverwendung und -verwertung von Fensterglas: Prof. Dr. Martien Teich von der Fakultät für Bauingenieurweisen der HM und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Sebastian Wernli © Louis Dickhaut
Forschen zur Wiederverwendung und -verwertung von Fensterglas: Prof. Dr. Martien Teich von der Fakultät für Bauingenieurweisen der HM und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Sebastian Wernli © Louis Dickhaut

„Die Versuche haben gezeigt, dass eine gute Oberflächenqualität Hand in Hand geht mit einer hohen mechanischen Festigkeit. Dieser Zusammenhang ist statistisch signifikant und gilt für alte Gläser genauso wie für neue“, berichtet Wernli. Damit steht nach Einschätzung des Forschers eine Methode zur berührungslosen und zerstörungsfreien Qualitätskontrolle zur Verfügung: Eine minutiöse Untersuchung der Oberfläche auf Schäden genügt, um die mechanischen Eigenschaften eines Flachglases zu beurteilen.

Automatisierung und Integration als nächste Schritte

Für einen Einsatz im industriellen Maßstab muss der Prüfprozess automatisiert werden. Wernli experimentiert dazu an der Hochschule München mit einem Scanner, der Glasoberflächen abrastert, sowie mit einer Software zur automatischen Fehlererkennung. Eine weitere Herausforderung ist die Integration geprüfter Altscheiben in bestehende Beschichtungs- und Fertigungslinien, die derzeit überwiegend auf neues Flachglas in normierten Größen ausgelegt sind.

Gemeinsam mit Industriepartnern haben die Münchner Forscher bereits nachgewiesen, dass Bestandsgläser im Labormaßstab optisch geprüft, beschichtet und zu Dreifachisolierglas verarbeitet werden können. In einem Folgeprojekt will Teich nun die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Re-Manufacturing belegen. „Technisch ist es auf jeden Fall machbar“, betont der Ingenieur. „Die Bestandsgläser sind in ihren Eigenschaften oft nicht von neuen Flachgläsern zu unterscheiden. Die Herausforderung liegt jetzt darin, ihre Nutzung in die großtechnischen Abläufe bei der Fertigung von Fenstern zu integrieren.“ (mb)

www.hm.edu

NEWSLETTER

Nach Anmeldung versorgt Sie der Newsletter kostenfrei 14-tägig mit einer redaktionellen Auswahl aktueller Nachrichten und Berichten des Deutschen Ingenieurblatts.

Ihre E-Mail-Adresse wird ausschließlich zur Versendung des Newsletters verwendet und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können sich jederzeit per Abmeldelink im Newsletter abmelden (Datenschutzerklärung des Dienstleisters CleverReach).

Ihre E-Mail-Adresse:

Als Ingenieurkammer-Mitglied bitte nicht anmelden – Sie erhalten bereits exklusiv unseren umfassenderen „Mitglieder-Infoservice“ bzw. können diesen über Ihre Kammer bestellen.

BAUPLANER NEWS

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem Bauplaner-Newsletter, unserem wöchentlichen E-Mail-Service, der Bauingenieure und Planer über die neuesten Entwicklungen in der Branche informiert. 

Ihre E-Mail-Adresse wird ausschließlich zur Versendung des Bauplaner-Newsletters verwendet und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können sich jederzeit per Abmeldelink im Bauplaner-Newsletter abmelden (Datenschutzerklärung des Dienstleisters CleverReach).

Ihre E-Mail-Adresse:

NEUE BEITRÄGE

Anzeige: Lesen Sie jetzt das neue ✶ ALLPLAN Whitepaper ✶