Dabei ist ausgerechnet das Fachwissen deutscher Spezialisten aus dem Ingenieurwesen, entscheidend für den sinnvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Algorithmen liefern Ergebnisse, doch sie ersetzen kein Fachurteil. Ingenieure und Ingenieurinnen und die wissenschaflich Tätigen im Bausektor werden benötigt, um Resultate einzuordnen, Plausibilität zu prüfen und Risiken zu bewerten. KI entfaltet ihren Nutzen nicht autonom, sondern im Zusammenspiel mit menschlicher Expertise. Wer sich dem Einsatz verweigert, überlässt den Markt für Ingenieurleistungen den Mitbewerbern sowie anderen Ländern.
Die eigentliche Gefahr besteht nicht in der Technologie selbst, sondern im Verlust des Anschlusses. Während Wettbewerber KI in der technischen Planung und im Prozessmanagement integrieren, riskieren die anderen Ingenieurbüros, den technologischen Takt nicht mehr mitzugehen. Skepsis darf nicht zu Stillstand führen. Kritisches Denken und Hinterfragen ist wichtig – aber es muss von Gestaltungswillen begleitet werden.
Besonders problematisch wäre es, wenn sich die Zurückhaltung in der Ausbildung und Weiterbildung fortsetzt. Hochschulen und technische Universitäten tragen Verantwortung, KI nicht nur theoretisch zu behandeln, sondern praktisch anzuwenden. Wer junge Talente ohne fundierte KI-Kompetenz ausbildet, schwächt langfristig die Innovationskraft des Standorts und verschärft den Fachkräftemangel. Gleiches gilt für Unternehmen, die Weiterbildung diesbezüglich vernachlässigen und damit wertvolles Potenzial ungenutzt lassen.
Künstliche Intelligenz ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug. Richtig eingesetzt, erhöht sie Produktivität, unterstützt Entscheidungen und eröffnet neue Geschäftsmodelle. Das Bauwesen verfügt über exzellente Ingenieurinnen und Ingenieure – doch ihr Wissen muss mit neuen Technologien verbunden werden. Wettbewerbsvorteile entstehen nicht durch Abwarten, sondern durch Veränderungsbereitschaft und Gestaltungswille.
Dipl.-Ing. Wilhelmina Katzschmann
Vorstandsmitglied der Bundesingenieurkammer