So erlebt die Berliner Bevölkerung aktuell, was vielen Menschen in Deutschland in den nächsten Jahren und Jahrzehnten droht: Ein Riss im Tragwerk legt die A100, eine der wichtigsten Verkehrsadern Berlins, lahm. Die Ringbahnbrücke des Autobahndreiecks Funkturm sowie Teile der Ringverbindung der S-Bahn sind auf unbestimmte Zeit gesperrt. Staus, wirtschaftliche Verluste und Frust bei Pendlern und Unternehmen herrschen nun in Berlin. Und die Autobahn GmbH als Betreiberin steht in der öffentlichen Kritik.
Das im März beschlossene Sondervermögen Infrastruktur als Ergänzung zu den Kernhaushalten ist eine wichtige Weichenstellung, reicht jedoch bei weitem nicht aus. Aufgrund des Investitionsstaus der letzten Jahrzehnte wissen wir heute schon von 400 Brücken, die jährlich saniert werden müssen. In den nächsten Jahren werden weitere marode Brücken hinzukommen, die hierbei noch nicht erfasst wurden. Wichtig ist, dass Deutschland eine kontinuierliche Finanzierungsstruktur schafft, damit die Planungs- und Bauindustrie die notwendigen Kapazitäten auf einer verlässlichen Auftragsbasis etablieren kann. Der größere Freiraum zur Finanzierung von Infrastruktur, der den Ländern parallel zum Sondervermögen eingeräumt wurde, könnte künftig mehr Planungssicherheit schaffen. Der Bürokratieabbau bei Genehmigungsprozessen, die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und ein kontinuierlicher Investitionsrahmen für Infrastrukturmaßnahmen über das Sondervermögen hinaus sind wichtige strukturelle Veränderungen, die das Bauen in Deutschland beschleunigen könnten.
Wir brauchen rund um das Sondervermögen einen klugen und mutigen Aktionsplan „zukunftsfähige und resiliente Infrastruktur“. Planende, Ausführende und Betreiber müssen an einen Tisch, um die notwendigen Strukturreformen für nachhaltige Veränderungen erfolgreich auf den Weg zu bringen. Wir Ingenieurinnen und Ingenieure haben die Expertise und den notwendigen Pragmatismus, der jetzt benötigt wird. Wir sind es den nachfolgenden Generationen schuldig, jetzt alles dafür zu tun, um eine zukunftsfähige und resiliente Infrastruktur schaffen zu können.
Es geht hier nicht nur um beschleunigtes und schnelles Bauen, sondern um einen gesellschaftlichen Auftrag, dem wir uns – alle am Bau Beteiligten – stellen müssen.
Ihr Dr.-Ing. Heinrich Bökamp
Präsident der Bundesingenieurkammer