Heute gleichen Bauvorhaben oft einem administrativen Hindernislauf: Genehmigungsverfahren ziehen sich über Jahre, Zuständigkeiten sind zersplittert, Vorschriften überlagern sich. Jede einzelne Regel mag oft sinnvoll sein, in der Summe jedoch blockieren sie Fortschritt. Das treibt Kosten, verschärft den Wohnraummangel und verzögert dringend benötigte Investitionen in die öffentliche Daseinsvorsorge.
Besonders deutlich wird das bei der Infrastruktur: Während andere Länder Brücken oder Bahntrassen in wenigen Jahren realisieren, diskutiert Deutschland noch über Planfeststellungsdetails. Ähnlich dramatisch ist die Lage bei der Bildungsinfrastruktur: Marode Schulgebäude, fehlende Klassenräume und improvisierte Containerlösungen sind längst vielerorts Alltag. Doch selbst dort, wo Geld bereitsteht, scheitern Sanierungen und Neubauvorhaben an komplexen Verfahren, langen Prüfketten und wechselnden Anforderungen von Bau-, Umwelt- und Schulbehörden. Für Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Lernen unter schlechten Bedingungen – über Jahre hinweg.
Bürokratieabbau heißt dabei nicht, Standards über Bord zu werfen. Sicherheit, Umwelt- und Beteiligungsrechte bleiben unverzichtbar. Aber die Verfahren müssen einfacher, digitaler und verbindlicher werden. Warum gelten für identische Schulbauten unterschiedliche Landesvorschriften? Warum werden Gutachten mehrfach erstellt, obwohl sich die Ausgangslage kaum unterscheidet? Und warum fehlen klare Fristen, in denen entschieden werden muss?
Ein moderner Staat sollte Bauen ermöglichen, nicht verhindern. Digitale Genehmigungen, einheitlichere Bauordnungen sowie eine stärkere Bündelung von Prüfungen könnten enorme Beschleunigung bringen. Gerade beim Wohnungsbau, bei Verkehrswegen, Energieprojekten und Bildungsbauten braucht es ein klares Bekenntnis zum öffentlichen Interesse.
Bürokratieabbau im Bauwesen ist kein technisches Randthema, sondern soziale und wirtschaftliche Notwendigkeit. Damit bezahlbares Wohnen und funktionierende Infrastrukturen Realität werden, kommt es auf politischen Mut und Verantwortungsbewusstsein an.
Die Bundesregierung adressiert dieses Thema – und das begrüßen wir sehr. Neben kurzfristigen Maßnahmen benötigen wir jedoch auch einen Mentalitätswechsel in Behörden und in der Wirtschaft – beispielsweise, wenn es um die Normierung geht. Eine entscheidende Rolle fällt dabei auch der Europäischen Union zu, die mit dem „EU-Pakt für Wohnungsbau“ in der Verantwortung steht, Bürokratie ab- und nicht aufzubauen.
Das Jahr 2026 muss genutzt werden, um die Grundlagen für langfristige Lösungen zu schaffen und so das Vertrauen in den Staat und den Bausektor zu stärken.
Ihr Dr.-Ing. Heinrich Bökamp
Präsident der Bundesingenieurkammer