Wo sich die Elbe zwischen Pretzien und Ranies ihren Weg bahnt, steht ein Bauwerk, das gleichermaßen Geschichte, Ingenieurskunst und Zukunft verkörpert: Das Pretziener Wehr. Vor 150 Jahren errichtet – zwischen 1871 und 1875 – dient es bis heute dem Hochwasserschutz für Magdeburg, Schönebeck und die umliegende Region. Zum runden Jubiläum im Jahr 2025 wurde nicht nur gefeiert, sondern auch an die überregionale Bedeutung dieses Bauwerks erinnert. Im Mittelpunkt die Vision, das Pretziener Wehr zum UNESCO-Weltkulturerbe zu machen. Denn seit Ende 2023 ist klar: Die Kulturministerkonferenz (KMK) hat das Pretziener Wehr in die sogenannte Tentativliste aufgenommen – also in die nationale Vorschlagsliste für neue deutsche UNESCO-Welterbestätten. Eine Entscheidung, die das Potenzial des Bauwerks unterstreicht, nicht nur regional und technisch, sondern auch kulturell weltweit anerkannt zu werden.
Ein Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst
Mit seiner einzigartigen Konstruktion war das Pretziener Wehr einst das größte Schützentafelwehr Europas. Die Kombination aus technischer Funktionalität, gestalterischer Qualität und dauerhafter Wirksamkeit machte es bereits im 19. Jahrhundert zu einem Vorbild für wasserbauliche Anlagen in ganz Europa und zu einem Vorläufer moderner nachhaltiger Ingenieurlösungen.
Diesen historischen und fachlichen Wert erkannte auch der wissenschaftliche Beirat der Bundesingenieurkammer, als das Wehr im Jahr 2015 als erstes Bauwerk in Sachsen-Anhalt am Tag der Ingenieure der Ingenieurkammer Sachsen-Anhalt mit dem Titel „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ausgezeichnet wurde. Eine bronzene Ehrentafel am Wehr erinnert seitdem an diese Würdigung.
Am 5. September 2025 feierte der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt (LHW) mit zahlreichen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung das 150-jährige Bestehen. Höhepunkt des Tages war das symbolische „Schauziehen“ des Wehrs – eine Demonstration, wie das historische Bauwerk bis heute bei Hochwasser aktiv zum Schutz der Region beiträgt.
„Das Pretziener Wehr ist nicht nur ein technisches Denkmal, sondern ein aktiver Teil unserer Infrastruktur – es schützt Menschen, sichert Lebensräume und erinnert daran, wozu Ingenieurinnen und Ingenieure imstande sind. Die Bewerbung als UNESCO-Welterbe ist ein logischer Schritt und ein wichtiges Signal für die Anerkennung technischer Denkmale als Teil unseres kulturellen Gedächtnisses.“
Jörg Herrmann, Präsident der Ingenieurkammer Sachsen-Anhalt
Auch aus Sicht der Bundesingenieurkammer steht das Jubiläum im Zeichen des kulturellen wie ingenieurtechnischen Erbes:
„Die Auszeichnung des Historischen Wahrzeichens der Ingenieurbaukunst in Deutschland möchte die gesellschaftliche Akzeptanz für technische Innovationen stärken. Das Pretziener Wehr ist ein Vorbild für fortschrittlichen und nachhaltigen Ingenieurbau über die Region hinaus.“
Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, Präsident der Bundesingenieurkammer
Weltkulturerbe als Chance für die Region
Die aktuelle Bewerbung für das Weltkulturerbe ist ein gemeinschaftliches Projekt. Angestoßen wurde sie vom Salzlandkreis, der Stadt Schönebeck und dem Land Sachsen-Anhalt. Die Erstellung des umfangreichen Dossiers übernimmt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Der politische Rückhalt ist groß, ebenso wie das Interesse der Bevölkerung.
Denn die Aufnahme in die Welterbeliste wäre nicht nur eine Anerkennung technischer Ingenieurleistungen des 19. Jahrhunderts. Sie könnte auch neue Impulse für die touristische und wirtschaftliche Entwicklung der Region setzen, etwa durch neue Radwege, Ausstellungen oder Bildungsangebote rund um das Pretziener Wehr.
Ein Bauwerk, das verbindet
Das Pretziener Wehr ist mehr als ein historisches Bauwerk: Entstanden in einer Zeit wachsender Industrialisierung, bewährt in Krisenlagen wie dem Hochwasser von 2002, heute ein Denkmal, das angesichts des Klimawandels und zunehmendem Starkregen zunehmend an Bedeutung gewinnt – und vielleicht bald UNESCO-Welterbe ist.
Damit repräsentiert das Wehr nachhaltige Ingenieurbaukunst, die technische Innovation mit dem Schutz von Umwelt und Gesellschaft vereint und dabei sowohl regionale Identität als auch überregionale Bedeutung schafft.
Technische Daten des Pretziener Wehrs (klicken für mehr)
Funktion: Hochwasserschutzanlage
Konstruktion: Schützenwehr mit 8 Pfeilern und 2 Widerlagern aus Naturstein, 9 Jochöffnungen, Überbau und Schützentafeln aus Eisen
Entwurf: Hermann Wurffbain, Ing. Rust
Bauleitung: Herrmann Wurffbain (Leitung), Aurel Sturmhöfel, Christian Gravenstein
Entwurf und 2. Bauleitung: August Heß, Otto Wille
Bauzeit Wehr: 1871 bis 1875, Umbau 1876 bis 1881
Bauzeit Umflutkanal: 1869 bis 1875, Ergänzungen von etwa 1879 bis Anfang 1883
Baukosten: 4,4 Mio Mark
Wehrmaße: 163,48 m Länge Überbau, 7,95 m Gesamthöhe, 3,70 m Höhe Unterbau, 12,64 m Jochbreite
Maße Umflutkanal: 21 km Länge