Abgenutzte Fassade, uneinheitliche Fensterläden und Balkone, ein Erdgeschoss mit deutlichen Gebrauchsspuren: Der Bestandsbau an der Binzmühlestrasse entsprach weder heutigen energetischen noch gestalterischen Anforderungen. Das Gebäude stammte aus dem Jahr 1963 und zeigte sein Alter in allen Bauteilen.
Verdichtung als Strategie gegen Flächenknappheit
In Städten wie Zürich wächst der Bedarf an Wohnraum, während unversiegelte Flächen kaum noch zur Verfügung stehen. Aufstockungen und Bestandssanierungen bieten hier einen konkreten Hebel: Sie schaffen zusätzliche Wohnungen, ohne den Fußabdruck des Gebäudes zu vergrößern, und ertüchtigen gleichzeitig die vorhandene Bausubstanz energetisch.
16 Zentimeter Dämmung und ein neues Geschoss
Die Häring AG übernahm als Totalunternehmerin die Projektleitung. Im Zuge der Sanierung erhielt das gesamte Gebäude eine 16 Zentimeter starke Kompaktfassade. Anstelle des ursprünglichen Schrägdachs entstand ein Attikageschoss mit drei Wohnungen, die über eine Fußbodenheizung verfügen. Das Haus schlossen die Planer an das Fernwärmenetz an und ersetzten sämtliche Bestandsheizkörper. Photovoltaikmodule auf dem Dach ergänzen das Energiekonzept.
Dreiseitige Balkonverglasung gegen Lärm und Witterung
Ein zentrales Element des Umbaus bildet die Dreh-/Schiebeverglasung der Balkone. Die Glasscheiben lassen sich drehen und seitlich verschieben, sodass die volle Balkonfläche bei Bedarf offen nutzbar bleibt. Im geschlossenen Zustand schützt die Verglasung vor Zugluft, Regen und Lärm – ein relevanter Faktor angesichts der Nähe zum Bahnhof Zürich Oerlikon und stark befahrenen Verkehrsachsen. Der verglaste Balkon verlängert die Nutzungsdauer vom Frühjahr bis in den Spätherbst und erweitert den nutzbaren Wohnraum.
„Lärm reduzieren und mit einer Art Wintergarten vorhandenen Wohnraum bestmöglich nutzen – dies waren die Beweggründe für eine Balkonverglasung“, erklärt Titus Bosshard, Präsident bei der Eisenbahner Baugenossenschaft Dreispitz Zürich. „Unser genossenschaftliches Ziel ist es, guten und preiswerten Wohnraum anzubieten, jedoch ohne Abstriche bei Komfort und Gesundheitsschutz.“
Hintergrund: Laut einer aktuellen Studie leiden mehr als 100 Millionen Menschen in Europa unter gesundheitsschädlichem Umgebungslärm, der überwiegend vom Verkehr verursacht wird.
Bauvorhaben: Sanierung und Aufstockung eines Mehrfamilienhauses in der Binzmühlestrasse, Zürich Oerlikon, Schweiz
Bauherr: Eisenbahner Baugenossenschaft Dreispitz Zürich, Zürich, Schweiz
Totalunternehmer: Häring AG, Eiken, Schweiz
Architektur: mainberger+spahr dipl. architekten eth, Zürich, Schweiz
Balkonverglasung: Lumon Schweiz AG, Zürich, Schweiz
Installation Balkonverglasungen: Huber Kontech AG, Buttisholz, Schweiz
Bauzeit gesamt: 2023 bis 2024
Rahmenlos und wartungsarm
Technisch setzt die Verglasung auf Einscheibensicherheitsglas (ESG) und einen wartungsarmen Mechanismus. Das rahmenlose Design fügt sich in die überarbeitete Fassade ein und lässt Tageslicht weitgehend ungehindert in die Wohnräume. Die schlanke Konstruktion hält die Balkone optisch offen.
Elf Wohnungen, drei Ladenlokale, eine Praxis
Das Gebäude umfasst nach dem Umbau elf Wohnungen, drei Ladenlokale und eine Praxis. Das Zusammenspiel aus Aufstockung, energetischer Sanierung und Balkonverglasung demonstriert, wie Bestandsgebäude im urbanen Umfeld verdichtet und gleichzeitig in ihrer Nutzungsqualität aufgewertet werden können – ein Ansatz, der für vergleichbare Projekte in wachsenden Städten Orientierung bieten kann. (mb)