Mit Unterstützung der Bundesstiftung Bauakademie lädt der Ingenieur Baukunst e. V. zu einer außergewöhnlichen Ausstellung im Roten Saal am Schinkelplatz in Berlin ein: „Verloren & Geborgen“ verbindet virtuelle Realität, originale Exponate und klassische Ausstellungselemente zu einem neuen Zugang zur Ingenieurbaukunst. Mit der Ausstellung eröffnet das Digitale Ingenieurbaukunstmuseum. Es bietet neue Zugänge zur Baukultur und bereitet den Weg für ein dauerhaftes Ingenieurbaukunstmuseum.
Das Projekt „Verloren & Geborgen – Ein virtueller Spaziergang durch verlorene Ingenieurbaukunst“ ist seit Ende Dezember 2025 online. Was erwartet Besucher des Online-Museums für Ingenieurbaukunst?
Philip: Besucher:innen erwartet ein neuartiger Zugang zur Ingenieurbaukunst: Im Zentrum stehen begehbare, digitale Rekonstruktionen bedeutender Bauwerke, die heute nicht mehr existieren. Das Online-Museum ermöglicht es, diese Bauwerke räumlich zu erleben, ihre Dimensionen zu verstehen und konstruktive Zusammenhänge unmittelbar nachzuvollziehen. Ziel ist es, Ingenieurbaukunst nicht nur zu erklären, sondern erfahrbar zu machen – unabhängig von Ort und Zeit.
Wie kann man nicht mehr vorhandene Bauwerke wieder digital auferstehen lassen? Was bildete die Grundlage der Arbeit?
Philip: Die Grundlage unserer Arbeit ist klassische Archivarbeit. Wir recherchieren historische Pläne, Schnitte, Fotografien und zeitgenössische Veröffentlichungen in Archiven, Bibliotheken und Nachlässen. Diese analogen Quellen werden ausgewertet, digitalisiert und in ein räumliches Modell übersetzt. Die virtuelle Rekonstruktion ist dabei kein freies Entwerfen, sondern ein ingenieurtechnischer Interpretationsprozess: Wir prüfen Proportionen, Tragwerkslogik und Konstruktionsprinzipien und gleichen unterschiedliche Quellen miteinander ab. Erst daraus entsteht ein belastbares digitales Modell, das dem historischen Bauwerk möglichst nahekommt.
Volker: Dem Ingenieurbaukunstverein war besonders wichtig, dass mit dieser digitalen Darstellungsform die besonderen Entwurfsideen und ungewöhnlichen Tragprinzipien der Bauwerke einfach visualisiert werden können. So wurde zusammen mit der Rekonstruktion der Form auch das originale Tragverhalten wiederentdeckt – vom Gesamtbauwerk bis hinunter zu den pfiffigen, konstruktiven Details.
Was faszinierte einen Bauingenieur wie dich Philip am meisten an der Recherchearbeit?
Philip: Am faszinierendsten ist für mich, wie präzise und zugleich experimentierfreudig viele Ingenieur:innen früher gearbeitet haben. In den Archiven stößt man immer wieder auf handgezeichnete Pläne, Randnotizen oder alternative Entwurfsvarianten, die nie gebaut wurden. Kurios ist manchmal, dass entscheidende Informationen nicht im Hauptplan stehen, sondern zum Teil in den statischen Berechnungen oder einem alten Fachaufsatz versteckt sind. Diese detektivische Arbeit – das Zusammensetzen vieler kleiner Puzzleteile – macht einen großen Reiz des Projekts aus.
Wie aufwendig waren die Vorbereitungen? Wie viel Zeit benötigt man für die Phase 0, um ein verlorenes Ingenieurbauwerk virtuell wieder aufzubauen?
Volker: Zunächst standen wir vor der Aufgabe, interessante und zeigenswerte, aber verlorene Bauwerke zu finden und auszuwählen. Das fand durch ein Gremium aus Mitgliedern des Ingenieurbaukunstvereins statt.
Philip: Der Aufwand für die Vorbereitung ist erheblich und wird oft unterschätzt. Die sogenannte Phase 0 – also Recherche, Quellenprüfung und konzeptionelle Vorbereitung – nimmt häufig mehrere Monate in Anspruch. Erst wenn die Quellenlage ausreichend belastbar ist, beginnt die eigentliche Modellierung. Je nach Bauwerk, Datenlage und Komplexität kann der gesamte Prozess von der ersten Archivsichtung bis zur begehbaren VR-Rekonstruktion mehrere hundert Arbeitsstunden umfassen. Gerade bei verlorenen Bauwerken ist die Qualität der Vorarbeit entscheidend.
Welche Idee steckt dahinter, gerade verlorene Ingenieurbaukunst für die Nachwelt wieder erstrahlen zu lassen?
Philip: Verlorene Bauwerke verschwinden nicht nur physisch, sondern oft auch aus dem kollektiven Gedächtnis. Dabei erzählen sie viel über den Stand der Technik, über gesellschaftliche Werte und über den Umgang mit Ressourcen ihrer Zeit. Durch die digitale Rekonstruktion können wir diese Bauwerke wieder sichtbar machen und ihre Bedeutung neu verhandeln. Es geht nicht um Nostalgie, sondern um Verständnis: Wer weiß, was bereits gedacht, gebaut und auch wieder verloren wurde, kann heutige und zukünftige Bauaufgaben differenzierter betrachten.
Volker: Würden wir existierende Bauwerke in einem virtuellen Museum zeigen, wäre der Mehrwert gegenüber einem Besuch vor Ort vergleichsweise gering. Umgekehrt ist dieses Ausstellungskonzept aber ganz hervorragend geeignet, um verlorene Gebäude und Konstruktionen wiedererstehen zu lassen. Nur so können wir heute die verlorenen Meisterwerke der Ingenieurbaukunst räumlich und realitätsnah wieder erleben und ihre faszinierende Ingeniösität begreifen.
Bei der Plattform handelt es sich um das erste virtuelle Ingenieurbaukunstmuseum in Deutschland. Es gibt in Frankfurt beispielsweise ein sehr renommiertes Architekturmuseum. Wäre es nicht wichtig, wir hätten auch ein Ingenieurbaukunstmuseum in Deutschland – und das nicht nur virtuell, sondern ganz real?
Volker: Tatsächlich war das die Gründungsidee des Ingenieurbaukunstvereins. Aber bisher fehlten uns dazu leider die Mittel.
Philip: Absolut. Ein physisches Ingenieurbaukunstmuseum wäre aus meiner Sicht längst überfällig. Die digitale Plattform verstehen wir jedoch nicht als Ersatz, sondern als ersten Schritt. Sie ermöglicht Reichweite, Niedrigschwelligkeit und internationale Zugänglichkeit. Langfristig ist das Ziel, Ingenieurbaukunst sowohl digital als auch haptisch zu vermitteln – mit Originalplänen, Modellen, Bauteilen und Ausstellungen im realen Raum. Der virtuelle Ansatz eröffnet dafür neue Perspektiven und kann als Grundlage für ein zukünftiges reales Museum dienen.
Sind weitere Folgeprojekte geplant?
Philip: Ja, das Projekt ist bewusst als wachsendes System angelegt. Weitere Bauwerke befinden sich bereits in Vorbereitung, und auch thematische Erweiterungen sind geplant. Langfristig soll ‚Verloren & Geborgen‘ zu einem umfassenden virtuellen Ingenieurbaukunstmuseum mit vielen Projekten werden.
Volker: Darüber hinaus interessieren uns Kooperationen mit Archiven, Museen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und anderen Institutionen aus der Baubranche, um die digitale Plattform und die Idee eines physischen Museums gemeinsam weiterzuentwickeln.
Über die Ausstellung „Verloren & Geborgen“
Im Zentrum der Ausstellung „Verloren & Geborgen“ stehen interaktive VR-Erlebnisse, die es ermöglichen, bedeutende, heute verlorene Bauwerke räumlich zu betreten und sie neu zu erleben. Ergänzt wird die virtuelle Erfahrung durch Ausstellungswände mit Infotafeln, historischen Fotografien, Originalplänen sowie weiteren originalen Objekten aus Archiven. So entsteht ein Dialog zwischen digitaler Rekonstruktion und materieller Überlieferung.
Begleitet wird „Verloren & Geborgen“ von einem kuratierten Abendprogramm an ausgewählten Terminen. Gäste aus dem Ingenieurwesen, der Architektur, der Wissenschaft und der Praxis ordnen die historischen Bauwerke in aktuelle Fragestellungen ein und diskutieren die Rolle der Ingenieurkunst heute und morgen.
Programm (PDF) | Digitales Ingenieurbaukunstmuseum (Webseite)
Ort: Roter Saal, Schinkelsche Bauakademie, Schinkelplatz 1, 10117 Berlin
Zeitraum: 12. Februar bis 8. März 2026
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 14:00 bis 19:00 Uhr, Samstag/Sonntag von 12:00 bis 17:00 Uhr, Montag und Dienstag geschlossen
Inhalt: Sieben virtuelle Rekonstruktionen bedeutender Bauwerke der Ingenieurbaukunst, begehbar mittels VR-Technologie
Gezeigte Bauwerke: Schinkelsche Bauakademie (Berlin), Anhalter Bahnhof (Berlin), Ahornblatt (Berlin), Alter Kaisersteg (Berlin), Glaspalast (München), Seilnetzkühlturm Hamm-Uentrop, Hetzerhalle (Weimar)
Begleitprogramm: Vorträge, Podiumsdiskussionen und Projektvorstellungen mit Expertinnen und Experten (Programm)
Um Anmeldung zu Programmveranstaltungen wird gebeten an: pk@ingenieur-baukunst.de