17.06.2019 | Ausgabe 6/2019

Enormes Potential

Meinung

Die Bauunternehmen freuen sich über volle Auftragsbücher. Ungefähr 330.000 Wohnungen werden in diesem Jahr gebaut. Die Nachfrage nach neuen Häusern und Wohnungen in Deutschland ist ungebrochen groß. Bei all der Freude gibt es auch einen Wehrmutstropfen, denn es gibt auch Bereiche, die davon nicht so profitieren, wie sie vielleicht könnten bzw. sollten: Die dringend notwenige Sanierung des Gebäudebestands kommt nicht in Schwung. Das Jahr 2018 als das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 reiht sich ein in den Erwärmungstrend der letzten Jahrzehnte. Der Klimawandel als Folge des Verbrauchs fossiler Energieträger stellt die Gesellschaft weltweit vor große Herausforderungen. Für seine Bewältigung muss die Energieversorgung in den kommenden Jahren vollständig umgebaut werden, um unserer Wirtschaft als Grundlage unseres Sozialstaats keinen nachhaltigen Schaden zuzufügen und eine lebenswerte Zukunft zu sichern. Dieses Verständnis ist mittlerweile in vielen Köpfen angekommen und wird in den Medien und in politischen Diskussionen häufig thematisiert. Klimaschutz ist ein Wandel des Zeitgeists. Blickt man jedoch auf die erzielten Ergebnisse, macht sich schnell Ernüchterung breit. Die Energiewende in Deutschland ist bislang weitgehend eine Stromwende. Die zweite große Säule, die Energieeffizienz, und unmittelbar damit verbunden der Wärmesektor werden politisch eher stiefmütterlich behandelt. Das Klimaziel für 2020 wird verfehlt. Der vor der letzten Bundestagswahl von Bundeskanzlerin Angela Merkel als „schlafender Riese“ identifizierte Sanierungsbedarf des Gebäudebestands findet sich zwar als Lippenbekenntnis („wir wollen“) im Koalitionsvertrag, wurde bisher jedoch nicht durch die notwendigen Maßnahmen und Instrumente unterlegt.

  • Die Energieeffizienz- und CO2-Reduzierungspotenziale sind im Gebäudebereich besonders groß und in über 90 Prozent der Fälle wirtschaftlich zu realisieren. Ohne eine deutliche Energieeinsparung, die mit einer Steigerung der Sanierungsrate bei einer technologieoffenen Umsetzung verbunden ist, können die Energiewende und auch die Klimaziele nicht bewerkstelligt werden. Als ein Beispiel möchte ich hier kurz auf das enorme Potential der Dachsanierung eingehen. Wer die Klimaschutzziele im Gebäudebereich erreichen will, kommt auch an der Dachsanierung im Bestand nicht vorbei. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2050 einen CO₂-neutralen Gebäudebestand zu erreichen, ist mit der aktuellen Dachsanierungsquote nicht machbar. Hier schlummert ein enormes energetisches, wirtschaftliches und beschäftigungspolitisches Potential. Bei den Ein- und Zweifamilienhäusern, die knapp zwei Drittel der Wohngebäude abdecken, verfügen vier Millionen Dächer, wenn überhaupt gedämmt, nur über den Mindestwärmeschutz. Das sind ca. 600 Millionen  uadratmeter Dachfläche. Hinzu kommen weitere 6,5 Millionen Dächer, die nur den energetischen Anforderungen der Wärmschutzverordnung von 1977 bzw. 1984 genügen, was noch einmal etwa eine Milliarde Quadratmeter Dachfläche entspricht. Insgesamt weist jedes zweite Wohngebäude einen unzureichenden Wärmeschutz auf. Allein eine moderate Steigerung der Dachsanierungsquote auf 2 Prozent in der Nutzungsphase würde kummuliert eine Reduktion von 49 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent bis 2030 und 94 Millionen Tonnen bis 2050 bewirken. Die dafür notwendigen Mehrkosten von 1,5 Prozent gegenüber den Kosten der derzeitigen Dachsanierungsquote sind vertretbar, zumal die Dachsanierung zu den wirtschaftlichsten Effizienzmaßnahmen am Gebäude gehört. Allerdings reichen die bisherigen Förderinstrumente zur Finanzierung dieser Mehrkosten nicht aus. Helfen könnten dabei unter anderem zusätzliche Fördermaßnahmen der KfW,
  • steuerliche Anreize,
  • Investitionszuschüsse sowie 
  • verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten.
    Wichtig ist auch eine bessere Koordinierung der verschiedenen Maßnahmen, um Synergien zu nutzen und die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen.

Auch vor diesem Hintergrund ist es spannend, wie sich die zukünftige Diskussion gestalten wird. Unzählige Projekte in Deutschland zeigen: „Hochwertige energetische Sanierung und sozialer Wohnungsbau schließen sich nicht aus!“ Die Energiewende und damit Energieeffizienz im Gebäudebereich als Beitrag für Klimaschutz sind unverzichtbar. Die einstige Utopie der ökologischen Modernisierung ist zur gestaltbaren Wirklichkeit geworden. Auch hier zeigen die jüngsten Entwicklungen in der Bevölkerung ein positives Zeichen für gesellschaftliches Wollen. Bleibt zu hoffen, dass diese Grundeinstellung sich noch stärker und auch institutionell durchsetzt und die Wärmewende endlich konsequent angegangen wird.