20.05.2019 | Ausgabe 5/ 2019

Komfortwohnungen mit modernem Energie- und Brandschutzkonzept

Mehrfamilienhaus der Gebäudeklasse 4 als Hybridbau

Auf dem Gelände der ehemaligen Funkkaserne in München entsteht dasProjekt „Stadtgestalten – Wohnhaus im neuen Stadtquartier Domagkpark“. / Quelle. Vallentin+Reichmann, München

Der Neubau eines in Hybridbauweise im Passivhausstandard errichteten mehrgeschossigen Wohnhauses in einem neuen Münchener Stadtquartier basiert wesentlich auf einer nicht tragenden Fassadenkonstruktion aus vorgefertigten Holzbauelementen. Die Fassade wurde mit Gipsfaserplatten feuerhemmend in der Feuerwiderstandsklasse F 30 ausgeführt.

Auf dem Gelände der ehemaligen Funkkaserne  an der Domagk-Straße im Nordosten von München entstehen derzeit rund 1.600 neue Wohnungen. Ziel der Stadtplaner ist, in dem neuen Wohnquartier qualitativ hochwertigen Wohnraum mit sozialer Mischung zu schaffen. Kitas, eine neue Grundschule und ein familienfreundlich  estaltetes Umfeld sprechen besonders Familien mit Kindern an. Die Realisierung sehr unterschiedlicher Wohnkonzepte sorgt für die zusätzliche Attraktivität. Das Büro Vallentin + Reichmann Architekten realisiert dort das für eine Baugemeinschaft konzipierte Projekt „Stadtgestalten – Wohnhaus im neuen Stadtquartier Domagkpark“. Das geplante Stadthaus umfasst 14 Wohnungen mit drei bis fünf Zimmern in Größen von 70 bis 115 Quadratmetern. Die individuell gestalteten Grundrisse spiegeln in ihrer Vielfältigkeit die unterschiedlichen Bedürfnisse und Wohnvorstellungen der heterogenen Baugemeinschaft wider.

Anspruchsvolles Konzept 
Das Projekt wird in sogenannter Hybridbauweise im Passivhausstandard erstellt. Diese Mischbauweisesetzt sich besonders beim mehrgeschossigen  Bauen zunehmend durch und nutzt dabei die Vorzüge von Massiv- und Holzbauweise. So bietet das lastabtragende Stahlbetonskelett speziell beim mehrgeschossigen Bauen Vorteile bei Statik und Schallschutz.  Dafür warten die Holzrahmenwände mit guten energetischen Eigenschaften und dem Vorteil der Vorfertigung auf. Bei gleichen energetischen Kennwerten sind sie schlanker als  assive Wandbauteile. Beplankungen sorgen für eine hohe Stabilität und können gleichzeitig die Anforderungen des Brandschutzes erfüllen.

Entsprechend dem angestrebten Passivhausstandard ist der Baukörper als kompakter  Kubus mit großen symmetrischen Fensterflächen auf der Südseite und frei angeordneten Fensteröffnungen bei den anderen Fassaden ausgebildet. Fundamente, Bodenplatte, Keller, Treppen sowie alle tragenden Wände und Stützen sind aus Stahlbeton, sämtliche nicht tragenden Wände in den Wohnungen werden

dagegen in Trockenbauweise erstellt. Die Fassade ist als nicht tragende, hoch wärmedämmende Holztafelkonstruktion mit passivhaustauglichen Fenstern konzipiert.

Die Fassade wird als nicht tragende, hoch wärmedämmende Holzrahmenkonstruktion ausgebildet, die nicht
tragenden Innenwände werden in Trockenbauweise erstellt. / Quelle: Vallentin+Reichmann, München

Individuelles Brandschutzkonzept
Mit fünf Stockwerken entspricht der Bau der Gebäudeklasse 4. Darunter fallen gemäß MBO Gebäude mit einer Höhe bis zu < 13 m (für die obere Geschossdecke) und Nutzungseinheiten mit jeweils nicht mehr als 400 m2. In dieser Gebäudeklasse sind tragende Holzkonstruktionen zulässig, sofern dabei ausschließlich nicht brennbare Dämmstoffe verwendet werden und tragende, aussteifende und raumabschließende Bauteile hoch feuerhemmend ausgeführt werden. „Hoch feuerhemmend“ heißt, dass die Brandschutzbekleidung sowohl einen Feuerwiderstand F-60 als auch eine Kapselung von 60 Minuten aufweist und entsprechendK260 nach DIN EN 13501-2 klassifiziert ist. Das sich bei diesem Projekt jedoch um eine nicht tragende vorgehängte Fassadenkonstruktion  in Holztafelbauweise bzw. um nicht tragende Innenwände in Trockenbauweise handelt, ist es laut des erstellten Brandschutzgutachtens ausreichend, wenn die Konstruktionen der Feuerwiderstandsklasse F-30 entsprechen (konstruktiver Brandschutz). Abgesehen  on der beleuchteten Beschilderung der Fluchtwege konnte auf weiteren anlagentechnischen Brandschutz verzichtet werden.

Für die brandschutztechnisch wirksame Bekleidung der Fassadenkonstruktion kamen Systemaufbauten von Fermacell zum Einsatz. Die Gipsfaserplatten des Herstellers gewährleisten je nach Konstruktion einen Brandschutz bis zur Feuerschutzklasse F 120 und sind gemäß der EN 13501 als nicht brennbarer Baustoff der Baustoffklasse A 2 klassifiziert. Die Platten bieten mit ihrer homogenen Struktur aufgrund ihrer Faserarmierung (recycelte Papierfasern) eine hohe mechanische Beanspruchbarkeit und stellen mit Material- und Verarbeitungseigenschaften, die dem Holz sehr ähnlich sind, eine gute Ergänzung zur Holzunterkonstruktion dar.

Entsprechend den Vorgaben des individuellen Brandschutzkonzeptes wurden die nicht tragenden Fassadenbauteile in der Feuerwiderstandsklasse F-30 ausgeführt (nach DIN 4102-2:1977-09). Wegen des Passivhauskonzeptes war zusätzlich die Luftdichtheit der Gebäudehülle von großer Bedeutung. Raumseitig wurde die Unterkonstruktion der Holztafelfassadenelemente aus BSH, b x d = 60 mm x 280 mm mit einer dampfdiffusionshemmenden Schicht aus einer einfachen Lage mit „Fermacell Vapor“ in 15 mm Dicke beplankt (sd-Wert von 3,1 m). Der raumseitige Wandabschluss erfolgte mit einer doppelten  age Gipsfaserplatten in 12,5 mm Dicke, die auf einem Metallständerwerk befestigt wurden. Zur Dämmung wurde in der Installationsebene  Mineralfaser der Baustoffklasse A ollflächig eingebracht.

Nach außen wurden die Gefache der Holzrippen vollflächig mit Zellulosefasern der Baustoffklasse B2 gedämmt und anschließend mit einer einfachen Lage von 15 mm dicken Gipsfaserplatten geschlossen, die wegen der geforderten Winddichtigkeit und dem Schlagregenschutz zusätzlich mit einer diffusionsoffenen Fassadenschutzbahn versehen wurden. Eine hinterlüftete Fassade aus Faserzementplatten auf Holzlattung sorgt für den finalen Abschluss.

Montage der Holzrahmenkonstruktion für die Fassade / Quelle: Vallentin+Reichmann, München

Um die Weiterleitung von Feuer und Rauch weitestgehend auszuschließen, erfolgte die Befestigung der nicht tragenden Fassadenkonstruktion an den tragenden, aussteifenden Massivdecken und -wänden mit brandschutztechnisch geeigneten und entsprechend zugelassenen Verbindungsmitteln, die zusätzlich gegen eine unmittelbare Brandbeanspruchung geschützt wurden. Anschlussfugen zwischen den icht tragenden, raumabschließenden Außenwänden der Fassadenkonstruktion sowie zu den tragenden, aussteifenden Massivdecken und -wänden wurden vollflächig mit Mineralfaser (Baustoffklasse A, Schmelzpunkt > 1000 °C, Rohdichte >40 kg/m³) verschlossen.

Fazit 
Das Projekt „Stadtgestalten Domagkpark“ zeigt, dass es auch im mehrgeschossigen Wohnungsbau möglich ist, nachhaltig und zeitgemäß zu bauen. Die Hybridbauweise sorgte dabei für Erleichterungen beim vorbeugenden Brandschutz. Statt hoch feuerhemmend, wie für die Holzbauweise in der Gebäudeklasse 4 gefordert, war laut Brandschutzgutachten die Ausführung der vorgehängten nicht tragenden Fassade sowie der nicht tragenden Innenwände in der Feuerwiderstandsklasse F30 ausreichend. Grundsätzlich müssen bei der Passivhausbauweise die Details sorgfältig erarbeitet werden, um eine wärmebrückenfreie Konstruktion und das Qualitätskriterium der Luftdichtigkeit zu gewährleisten. Die sorgfältige Detailarbeit zur Luftdichtigkeit kam auch dem Brandschutz zugute. So wurde an Decken- und Fensteranschlüssen nicht nur auf luftdichtes Anschließen geachtet, sondern auch zusätzliche abschottende Fermacell Gipsfaserplatten vorgesehen, um das „Einbrennen“ in die gedämmten Hohlräume bzw. in die darüberliegenden Geschosse zu verhindrn.