15.06.2018 | Ausgabe 06/2018

Energetische Sanierung könnte Jobmotor sein

Prof. Dr.-Ing. Andreas H. Holm

Prof. Dr.-Ing. Andreas H. Holm

Der Gebäudesektor spielt bekanntlich eine entscheidende Rolle in der Energiewende. Ferner ist der Bedarf an bezahlbarem Wohnen in den letzten Jahren drastisch gewachsen. Eines der erklärten Ziele der Bundesregierung ist es, bis 2050 einen klimaneutralen Gebäudebestand zu schaffen. Schon seit Jahren beträgt der Anteil des gebäuderelevanten Endenergieverbrauchs am gesamten Endenergieverbrauch ungefähr 35 Prozent. Zwar ist der spezifische Endenergieverbrauch für Raumwärme in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, aber ohne zusätzliche Anstrengungen werden die klimapolitischen Ziele sowohl kurz- als auch langfristig deutlich verfehlt. Unsere Gebäude müssen zukünftig deutlich weniger Energie verbrauchen – und der verbleibende Energiebedarf muss durcheinen stetig wachsenden Anteil erneuerbarer Energien gedeckt werden.

Was aus politischer Sicht derzeit dazu geplant ist, steht im 175 Seiten umfassenden Koalitionsvertrag. Eine Gesamtstrategie zur Energiewende, in der sich der Hoffnungsträger Gebäudeenergieeffizienz als wichtiger Baustein wiederfindet, ist nicht mehr erkennbar. Die energetische Modernisierung der Gebäude in Deutschland wird eher vernachlässigt als gefördert. Energiepolitisch wird Deutschland damit um Jahre zurückgeworfen. Dabei waren sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft doch einig, dass Energiewende und Klimaziele nur erreicht werden können, wenn weniger Energie verbraucht wird. Wenn man die Klimaziele ernsthaft verfolgen will, ist eine Erhöhung der Modernisierungsquote im Gebäudebereich auf rund 1,6 Prozent jährlich zwingend erforderlich. Das entspricht nahe zueiner Verdoppelung der aktuellen Quote. Klar ist, dass die energetische Sanierung von Gebäuden Kosten verursacht. Aber durch eine tiefgreifende Gebäudemodernisierung können mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Erreichung der CO2-Ziele, Senken der Energiekosten und Beitrag zur Vollbeschäftigung.

Erstmals hat jetzt das Forschungsinstitut für Wärmeschutz München (FIW) die Auswirkungen ermittelt, die von einer energetischen Modernisierung des Gebäudebestandes ausgehen könnten. So heißt es in einer Studie, die im Auftrag des Bundesverbandes energie effiziente Gebäudehülle (BuVEG) durchgeführt wurde, dass schon heute allein die Planung und Ausführung einer energetischen Modernisierung der Gebäudehülle bis zu 215.000 Arbeitsplätze sichert. Die konsequente Umsetzung der Energiestrategie durch Erhöhung der Modernisierungsrate schafft im Bauhandwerk rund ca. 125.000 Arbeitsplätze im Bereich der Eigenheime und ca. 90.000 Arbeitsplätze im Bereich des Geschosswohnungsbaus. Das dabei zusätzlich ausgelöste jährliche gesamte Investitionsvolumen für die Bauwerkskosten liegt bei fast 60 Milliarden Euro. Das gesamte Einsparpotenzial im Bereich der Wohngebäude liegt dann bei rund 350 Terawattstunden an Endenergie und rund 42 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr.

Darin liegt eine riesige Chance für Deutschland. Durch Automation und Digitalisierung werden wahrscheinlich viele Arbeits- und Ausbildungsplätze in klassischen Berufen verschwinden. Mit der Umsetzung der energetischen Sanierung hat Deutschland jedoch langfristig ein großes zukunftssicheres Beschäftigungsreservoir in der Bauwirtschaft. Die Fachkräftesicherung für die Umsetzung der Energiewende muss in der politischen Agenda eine prioritäre Rolle einnehmen. Die Aus- und Weiterbildung von Handwerkern, Energieberatern, Architekten und Bauingenieuren ist stärker zu fördern. Ohne qualifiziertes Fachpersonal wird es keine Energiewende im Gebäudesektor geben.

Die energetische Sanierung der Gebäudehüllewird überwiegend von kleinen und mittleren Betrieben gestemmt. Besonders diese Betriebe stellen aber nur dann zusätzliche Mitarbeiter ein, wenn die wirtschaftliche Entwicklung planbar ist und die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Ich empfehle der Politik, stärker um Nachwuchs im Bereich der energetischen Modernisierung zu werben und langfristige Planungssicherheit für alle Beteiligten zu schaffen. Kurzfristige Förderprogramme oder andauernde politische Diskussionen über die Einführung von Instrumenten sind kontraproduktiv. Dieses Potential durch eine inkonsequente Politik brachliegen zu lassen, wäre ein arbeitsmarktpolitischer und volkswirtschaftlicher Fehler.