17.06.2019 | Ausgabe 6/2019

Der Ingenieur und die Kinder von Endayesus

Sami Berhani baut in Äthiopien Hotels und Schulen aus Spenden

Eine typische Baustelle in Axum, einer Stadt im Norden Äthiopiens / Quelle: Rudolf Stumberger

Nachhaltigkeit ist ein dehnbarer Begriff. Hier in Deutschland drehen sich die Diskussion um und die Frage nach nachhaltigem Bauen in erster Linie um geringe ökologische Fußabdrücke, die Verwendung geeigneter Materialien und die Baukultur. In Äthiopien hat sie eine ganz andere Bedeutung: Da schafft Nachhaltigkeit ein Lebensumfeld, das den Menschen Perspektiven eröffnet, die hier schon längst zum selbstverständlichen Lebensstandard gehören. Ein Blick über den Tellerrand.

Die Hauptstraße von Axum, einer Stadt im Norden Äthiopiens, zieht sich von West nach Ost und hier sind unzählige Bajajs unterwegs, dreirädrige Motorroller, produziert in Indien. Sie knattern vorbei an kleinen Straßencafes, in denen unter Weihrauchgeruch der Kaffee frisch geröstet wird. Vorbei an in Tücher gehüllten Hirten, die ihre Schafe die Straße hinuntertreiben. Vorbei an Banken und öffentlichen Gebäuden, vor denen Wächter mit der Kalaschnikow in der Hand sitzen. Und vorbei an diversen Rohbauten, die hier anscheinend schon seit Jahren stehen. Bei manchen bestehen die Gerüste aus schmalen Baumstämmen und das Ganze sieht dann aus wie ein modernes Kunstwerk.

Aber wie baut man in Äthiopien? Und wie sieht die Arbeit der hiesigen Ingenieure aus? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, findet sie bei Sami Berhani (30), einem Bauingenieur, der an der Universität von Axum seinen Bachelor- Abschluss gemacht hat. Ein größeres Schild  weist an der Hauptstraße auf sein Konstruktionsbüro hin und wer es betritt, wird mit dem landesüblichen „Salam“ begrüßt. Hier sitzt Sami mit zwei Mitarbeitern und wenn er über seine Arbeit spricht, dann sagt er: „Das größte Problem ist das Wasser.“ Und fügt ergänzend hinzu, während wieder einmal das Handy bimmelt: „Und dass man das Material bekommt.“

Ein religiöser Ort mit zahlreichen antiken Schätzen Schulbildung für die breite Masse gibt es in Äthiopien erst seit den 1970er-Jahren und die Ausbildung an einer Universität ist eher selten; noch ist die Analphabetenrate in dem afrikanischen Land hoch. Samis Studium hat fünf Jahre gedauert, die Studienkosten betrugen etwa 500 Birr pro Monat, was umgerechnet etwa 15 Euro sind. Dafür gab es neben der  Lehre auch Unterkunft im Studentenwohnheim und Verpflegung. Der Axumer arbeitete nach seinem Studienabschluss ein Jahr lang bei einer Firma in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, dann kam er zurück in seine Heimatstadt. Axum befindet sich oben im Norden des Landes, die Grenze zu Eritrea ist nicht weit. Die Stadt mit ihren rund 70.000 Einwohnern liegt auf einer Höhe von 2100 Metern und kann auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken. Denn vor 1800 Jahren war Axum die Hauptstadt eines mächtigen afrikanischen Reichs, das bis zur arabischen Halbinsel reichte. Heute noch zeugen davon meterhohe antike Stelen aus dem vierten Jahrhundert, die als Begräbnisstätten für die Herrscher dienten. Und Axum sieht sich auch als die Wiege der  Christenheit; ebenfalls im vierten Jahrhundert und damit noch vor Rom wurde im axumischen Reich das Christentum zur Staatsreligion. In Axum befindet sich auch nach dem Glauben der Äthiopisch-Orthodoxen  Kirche die Bundeslade – die Gesetzestafeln von Moses –, die in salomonischer Zeit hierher gebracht worden sein soll. Ansehen darf man die in einem speziellen Gebäude aufbewahrte Bundeslade aber nicht.

So umgeben von antiken Stätten widmet  sich Ingenieur Sami der Entstehung einer modernen Stadt. Zum Beispiel mit der Baustelle n der Hauptstraße von Axum. Früher  stand hier eines der üblichen kleinen Steinhäuser.Jetzt sind Bauarbeiter dabei, die Grundplatte des künftigen Gebäudes – ein Hotel – zu betonieren. „Bring doch mal das Werkzeug hier rüber“, schreit einer der Jungen über die Baustelle. Schutzhelme trägt keiner. Die Arbeit ist hart, mit der Hand werden Steine klein geklopft und auf der Schulter transportiert. Das ist ein Knochenjob mit  taub und Schmutz. 150 bis 250 Birr, also umgerechnet etwa fünf bis acht Euro, erhalten ie Tagelöhner je nach Aufgabe, gezahlt ird am Ende des Arbeitstags.

Manche Bauten verharren schon seit Jahren als Rohbau – ihre Bauherren warten auf das notwendige Geld, damit es
weitergehen kann. / Quelle: Rudolf Stumberger

Gebaut wird, wenn das Geld da ist
Die Baustelle an der Hauptstraße ist eines von mehreren Projekten, die Sami als Ingenieur betreut. Wie wird in Äthiopien gebaut? „Die Bauherrn errichten zuerst ein Stockwerk“, sagt Sami, „dann kann es sein, dass ein Jahr lang nichts passiert.“ Bis dann wieder Geld vorhanden ist. Der junge Ingenieur zeigt auf einen mächtigen Rohbau an der Hauptstraße in der Nähe seiner Baustelle. „Das ist ein Hotel und steht schon seit zehn Jahren so herum“, erzählt er. Wir gehen weiter zu einem  anderen Projekt seines Ingenieurbüros, einem weitgehend fertiggestellten Hotel. Nur das Erdgeschoss und der erste Stock mit dem künftigen Restaurant sind noch im Rohbau, die Etagen darüber mit den Zimmern sind weitgehend fertiggestellt. Sami bespricht mit dem Sohn des Besitzers noch ein paar Einzelheiten. Die Außenfassade des Hotels ist geprägt durch eine angedeutete Stele in der Mitte – ein Verweis auf die antike Geschichte der Stadt.

Szenenwechsel. Sami hat nicht nur einheimische Kunden, sondern auch welche aus dem Ausland. Zumindest einen zur Zeit: Marcel Heuer aus Deutschland vom Verein „Hawelti e.v.“. Der 52-Jährige aus Nürnberg ist gerade dabei, als Hilfsprojekt einen Schulbau in einem Dorf gut acht Kilometer vor der Stadt zu organisieren. Dorthin, nach Endayesus, fahren wir mit einem Bajaj. Das Gefährt sieht schon etwas mitgenommen aus, kein Wunder bei den Straßenverhältnissen mit Pisten und Schlaglöchern. Wenn der Fahrer bremst, quietscht es sehr laut und plötzlich beginnt man die Religiosität vieler Äthiopier zu verstehen. Rechts und links zieht an uns die Landschaft vorbei: Karge Böden, kein Gras, ab und zu ein Baum und Kakteen, ansonsten herrscht das Rotbraun der lehmigen Erde vor. Wasser führen die Flüsse hier in der Regel nur während der Regenzeit im Sommer, ansonsten sind die Bachläufe ausgetrocknet. Wir biegen schließlich von der asphaltierten Hauptstraße ab in einen Feldweg. Nach ein paar Minuten ist allerdings Ende Gelände: Mit vier Insassen schafft es das Bajaj nicht mehr über die steinige Piste, auch nicht mit dem besten Willen des Fahrers. Wir steigen aus und gehen die restliche Strecke bis zum  Dorf zu Fuß.

Ein Hilfsprojekt beschäftigt sich mit einem Schulbau für die Kinder in dem entlegenen Dorf Endayesus.
Das Geld für den Bau haben Schüler des Münchener Gymnasiums Obermenzing eingeworben. / Quelle: Rudolf Stumberger

Pause in der Baumschule Baumschulen sind hier keine Unternehmen, in denen Bäume gezüchtet werden, sondern Grundschulen ohne Schulgebäude. DieseSchulen heißen so, weil die Kinder im Schatten der Bäume sitzen und dort unterrichtet werden. So auch in diesem Dorf. Es ist gerade Schulpause und als uns die auf einem staubigen Platz herumtobenden Schüler sehen, sind wir im Nu umringt von der ganzen Schar und unter ziemlicher Lärmkulisse sehen uns große Kinderaugen an. Links hinten ist ein Holzgerüst auf einer betonierte Bodenplatte zu sehen, an dem sich mehrere Arbeiter zu schaffen machen. Das ist der Grund, warum Ingenieur Sami Berhanis und Vereinsvorstand Marcel Heuer zusammengekommen sind: Hier soll das neue Schulgebäude entstehen.

Wie dringend das ist, erläutert Schuldirektor Alikedimos Abraha (42) von der Endayesus-Grundschule: „Wenn in der Regenzeit der Regen kommt, fällt die Schule aus. Wenn die Kinder aufs Klo müssen, gehen sie in die Büsche. Wir haben keine Stühle und Bänke, der Unterricht findet am Boden statt. Wir sind sehr froh, wenn wir ein Schulgebäude haben.“ Sechs Lehrer unterrichten hier 107 Grundschüler, die aus der ganzen   egend kommen und oft lange Wege gehen müssen.

„Ich bin echt überrascht, dass es auf der Baustelle so vorangeht“, sagt Marcel Heuer, während er den Bauplatz inspiziert. Mit dem ersten Geld, das der Verein zur Verfügung hatte, wurde der Boden betoniert und Zement für die Ziegel gekauft. Die haben die Eltern der Schüler dann per Hand geformt, in der Sonne trocknen lassen und schließlich zu einem provisorischen Klassenzimmer aufeinandergeschichtet, mit Ästen als Dach. Finanziert wird die neue Schule durch die Initiative von Schülern des Münchner Gymnasiums Obermenzing. Dort leitete im vergangenen Jahr Lehrer Thomas Schmalschläger eine Physik-Projektgruppe, die sich die Aufgabe gestellt hatte, eine Schule mit Energie- und Wasserversorgung zu planen. Und dazu wurden Spendengelder eingeworben.

Mit der Realisierung ihres Projekts beauftragt haben die Schüler dann den Hawelti- Verein. Der Grund: Die Hilfsorganisation hatte in Axum bereits Erfahrung, organisierte Toilettenhäuschen und einen Speisesaal für eine Schule und sicherte über zwei neugebaute Zisternen die Wasserversorgung für die Kinder. Die neue Schule hier in Endayesus sieht vier Klassenräume und ein Lehrerzimmervor. „Wir könnten in vier Monaten fertig sein“, meint Vereinsvorsitzender Heuer. Jetzt geht es mit Sami Benhari an das Einkaufen der Materialien.

„Ich gehe gerne zur Schule“  Am Beispiel der Baustelle in Endajesus verdeutlicht der Bauingenieur die Probleme  seines Landes, was das Bauen anbelangt. Wir stehen vor einem Wasserhahn, ringsum jede Menge gelber Plastikkanister für den Transport. „Die Leute hier haben kaum Trinkwasser, wie sollen wir da den Zement mischen?“ klagt er. Zudem muss alles Material über die wirklich schlechte Staub- und Steinpiste hierher zur Baustelle gebracht werden. Auch die Bauarbeiter haben ein Problem damit, wie sie hierher kommen, dafür verlangen sie einen höheren Lohn.

Inzwischen geht der Unterricht in dem abgelegenen äthiopischen Dorf unter den Bäumen weiter. Jetzt steht Englisch auf dem Lehrplan, die Lehrerin liest vor, die Klasse wiederholt. In der Nähe trottet eine Kuh vorbei. Eine der Schülerinnen unter dem Baum ist Fiyer Migusse. Die Elfjährige hat immerhin einen Schulweg von einer halben Stunde. „Aber“, sagt sie, „ich gehe gerne zur Schule.“ Die dank der Schüler in München, dem Hawelti- Verein und Bauingenieuren wie Sami Benhari auch bald ein eigenes Gebäude haben wird.


 

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