15.04.2019 | Ausgabe 04/2019

Womit muss die Branche künftig rechnen?

Strukturwandel für Ingenieurbüros

Schleichende Prozesse machen sich nur langsam bemerkbar. Selten kündigt sich ein Strukturwandel mit einem lauten Knall an. Was heißt das für die Branche der Ingenieure? Ein Arbeitskreis versucht, darauf Antworten zu finden. / Quelle: Freedomz/AdobeStock

Veränderungen in Natur und Gesellschaft sind allgegenwärtig. Sie sind Ausdruck des Lebens. Davon ausgenommen ist selbstverständlich auch nicht die Welt der Ökonomie. Als Folge der Veränderungen gibt es immer Verlierer  und Gewinner. Unternehmen, Branchen und sogar Wirtschaftsräume wachsen oder verlieren an Bedeutung oder verschwinden gar ganz von der Bildfläche. Die Bewertung der Vorgänge ist abhängig von der subjektiven Betroffenheit. Die unmittelbar Betroffenen werden den Prozess ausschließlich daran messen, wie sich ihre persönliche wirtschaftliche Situation verändert. Aus dem Blickwinkel der Gesellschaft, die mittelbar betroffen ist, sind möglicherweise andere Werte entscheidend.

Langsame Veränderungen werden naturgemäß viel weniger wahrgenommen als  starke Umbrüche. Oft ist die Veränderung erst im Rückblick offensichtlich und die Ursachen können mit der Erkenntnis der Gegenwart klar benannt werden.

In der Philosophie der Marktwirtschaft zeichnen sich die Gewinner durch ein effizienteres  Handeln oder bessere Produkte aus. Ursachen sind technologische Entwicklungen oder finanzielle und organisatorische Stärken.

Daneben spielen aber auch gesellschaftliche und politische Einflüsse eine große Rolle. Oft  sind es gerade diese Einflüsse, die die Verhältnisse grundlegend verändern. Entscheidende Parameter sind häufig politisch motivierte Regulierungen.

Für das Individuum, als Mensch oder als Unternehmen, ist es existenziell, Veränderungen  frühzeitig zu bemerken, die nächsten Schritte vorherzusehen und Strategien zu entwickeln.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit möglichen Entwicklungen im Sektor der Ingenieurbüros, die im Bauwesen tätig sind. Hierzuzählen Konstruktive Ingenieure, Objektplaner  für die Infrastruktur, Wasser- und Abwasseranlagen,Geodäten, Geotechniker, Verkehrsingenieure,  Ingenieure für technische Gebäudeausrüstung, Projektsteuerer im Bauwesen etc. Es sind Berufe, die durch ihre Tätigkeit sehr stark in die Belange einer Kulturgesellschaft eingreifen.

Arbeitskreis zu Veränderungen  bei den Ingenieurbüros
Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau hat einen Arbeitskreis ins Leben gerufen, der sich mit der Fragestellung beschäftigt, ob und wie sich die Branche der Ingenieurbüros verändert.

Diese Kernproblematik hat sich der Arbeitskreis it der Arbeitshypothese „In 15 Jahren gibt es nur noch ein Drittel der Ingenieurbüros“  zu eigen gemacht. Ob sie richtig oder falsch ist, kann heute noch nicht beantwortet werden. Aber die These schafft eine Fokussierung auf die anstehende Fragestellung.

Schematisch stellt sich ein Transformationsprozess wie in Abbildung 1 dar. Am Anfang   steht eine „Freiberufler-Struktur“. Der „Freiberufler-Struktur“ gehören zu einem großen Teil  mitarbeitende Inhaber an. Es gibt viele, zumTeil sehr kleine Unternehmen. Im Lauf der Zeit werden einzelne Unternehmen größer, der  Anteil der fachlich mitarbeitenden Inhaber an der Gruppe der Tätigen wird kleiner. Es entstehen einzelne größere Unternehmen. Am Ende der Entwicklung steht die Konzernstruktur. Alle Tätigen sind angestellt. Die Inhaber sind Investoren. Es gibt nur noch eine geringe Anzahl von Unternehmen.

Warum kann dies passieren?
Die Frage steht am Anfang der Untersuchungen.   hre Ursachen hierfür sind im WesentlichenÄnderungen im wirtschaftlichen oder  technischen Umfeld. Im technischen Umfeld ist der Treiber aktuell zweifellos die Digitalisierung, die viele Arbeitsprozesse verändert.

Deutschland ist Mitglied der europäischen  Gemeinschaft und eine führende Wirtschaftsnation innerhalb dieser Gemeinschaft. Kernder europäischen Wirtschaftspolitik ist die  Schaffung eines einheitlichen Binnenmarkts. Das heißt, Waren und Dienstleistungen sollen ohne Schranken in diesem Wirtschaftsraum verkehren. Dieses Ziel ist nicht nur eine abstrakte politische Vision, sondern wird konkret durch Richtlinien der Europäischen Kommission verfolgt, die dann in nationale Gesetzeumgesetzt werden.

Bauingenieure sind mit dem Vorhaben  durch die Eurocodes, die ausdrücklich für dieses Ziel geschaffen wurden, betroffen. Die einheitlichen technischen Regeln sind die Grundlagedafür, dass sowohl Bauprodukte über die  Landesgrenzen hinweg in Verkehr gebracht als auch Dienstleistungen in allen europäischen Ländern erbracht werden können. Das Erdbeben im deutschen Bauordnungsrecht, das durch die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zur Handhabung der Bauproduktenrichtlinie ausgelöst wurde, ist ein deutliches Zeichen für die Änderungen, die sich aus dem europäischen Recht ergeben.

Die Europäische Kommission hat im Januar 2017 ihr Dienstleistungspaket vorgestellt.  Die Kommission möchte mit dem Dienstleistungspaket erreichen, dass es zukünftig für Dienstleister, Bauingenieure, Architekten und Rechtsanwälte einfacher wird, Leistungen über die Landesgrenzen anzubieten. Damit sollen auf der einen Seite neue Arbeitsplätze – insbesondere in Regionen mit geringer wirtschaftlicher Kraft – geschaffen und zum anderendie Dienstleistungen für die Verbraucher  günstiger werden. Der Vorschlag der Kommission wird aktuell zwischen dem Europarat, dem Europaparlament und der Kommission beraten. Das Ergebnis ist noch offen.

Da der Wert einer Leistung sich dem Verbraucher  naturgemäß erst dann erschließt, wenn sie erbracht wurde, ist es unabdingbar, Qualifikationen vergleichbar zu gestalten.

Welche politischen Einflüsse gibt es? 
Mit Blick auf Deutschland sieht die Europäische Kommission einen weiteren Aspekt der Marktbehinderung. Die HOAI begrenze die Niederlassungsfreiheit. Deshalb hat die Europäische  Kommission die Bundesrepublik vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt mit dem Ziel, dass die HOAI abgeschafft wird (siehe dazu auch das Interview zur HOAI in dieser Ausgabe). Die Abschaffung des Honorarrechts im Vereinigten Königreich in den 1970ern hat gezeigt, dass zwar zunächst die Preise sinken, langfristig jedoch wieder ansteigen bei einem viel kleineren Kreis der Anbieter.

Aber auch im nationalen Umfeld gibt es Entwicklungen, die die Branche der Ingenieurbüros verändern kann. Innerhalb der Neuordnung der Bund-Länder-Finanzbeziehung wurde die Gründung einer Infrastrukturgesellschaftfür Autobahnen und andere  Bundesfernstraßen beschlossen. Ziel der Änderung der Verwaltung der Bundesfernstraßen ist die Steigerung der Effizienz durch eine zentrale Leitung. Auch wenn weiterhin regionale Gesellschaften vorhanden sein werden, ist zu erwarten, dass die bundeseinheitliche Organisation Einfluss auf die Vergabe haben wird. Es ist zu befürchten, dass zukünftig Planungen in größeren Paketen ausgeschrieben werden, die von kleineren und mittelgroßen Planungsunternehmen nicht mehr umgesetzt werden können.

Dass die Praxis der Vergabe auch Einfluss auf die Struktur der Unternehmen hat, lässt   ich an der Zunahme von Ausschreibungen erkennen, in denen Gesamtplanungen gefordert werden. Grundsätzlich können sich hier Fachbüros zusammenschließen, aber Unternehmen mit dem gesamten angefragten Leistungsspektrum werden sich im Vergabeverfahren besser stellen.

Wie sieht es in anderen europäischen Ländern aus?  Ein Blick über nationale Grenzen hinweg  zeigt, dass die Strukturen in unserer Branche in den europäischen Ländern stark divergieren.

Auf der einen Seite stehen Länder wie Italien, Österreich, Deutschland und die Schweiz mit einer eher kleinteiligen Struktur.  Die meisten Tätigen arbeiten in Ingenieurbüros mit sehr wenigen Mitarbeitern. Die Unternehmen sind regional tätig. Diese Struktur fasst sich unter dem Begriff der freiberuflichen Tätigkeit zusammen, d. h. Menschen mit akademischer Ausbildung, die sich in hohem Maß persönlich mit den gestellten Aufgaben befassen und geistig schöpferische Tätigkeiten ausüben.

Auf der anderen Seite stehen die skandinavischen Länder, Frankreich und UK. Es gibt sehr  große, weltweit aufgestellte Unternehmen.Der überwiegende Anteil der in der Branche Tätigen arbeitet in den wenigen Unternehmen,  die in den Ländern ansässig sind. Hinter diesen Firmen stehen institutionelle Anleger. Die Struktur ist geprägt durch Konzerne.

Eurostat, das statistische Amt der Europäischen Union liefert Daten und Statistiken zu  den Wirtschaftszweigen in Europa. In der Wirtschaftszweigklassifikation (NACE) sind Ingenieurbüros im Abschnitt M (professional, scientific  and technical activities), in Devision 71 aufgeführt.

In vielen Statistiken sind Architekten und Ingenieure  zusammengefasst. Deswegen wird es in manchen Ländern schwierig sein, die Situation der Ingenieurbüros genau zu beschreiben. Eurostat untersucht auch die Größe der Unternehmen in dem Sektor. Es stellt folgende Differenzierung der Unternehmensgrößen auf:
In den europäischen Ländern zeigen sich in Bezug auf die Entwicklung der Anzahl der Unternehmen  und der Tätigen große Unterschiede. In südeuropäischen Ländern, insbesondere Italien, Spanien und Portugal, hat sich der Sektor nach 2008 stark verkleinert. Erst seit 2015 gibt es eine Stabilisierung und leichte Erholung. Dem gegenüber stehen die Länder Deutschland, die skandinavischen Länder und UK, in denen ein zum Teil starkes Wachstum stattgefunden hat.

Was macht der Arbeitskreis?
Der Arbeitskreis geht davon aus, dass sich in einem gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum die unterschiedlichen Strukturen angleichen werden. Hier schließen sich die eingangs geäußerten Gedanken über Veränderungen an. Die Aufgabe des Arbeitskreises ist es, diese Veränderung aufzuzeigen.

Methodisches Vorgehen Der Arbeitskreis möchte Entwicklungen in Europa  aufspüren und sucht Wege, die möglichen Entwicklungen zu prognostizieren.

Für diesen Anspruch sind drei Wege vorgeschlagen:
1. Öffentlich zugängliche Daten von statistischen Ämtern oder Verbänden.

2. Fragebögen, die an Verbände und Vereinigungen verschickt werden, die Informationen  zu der Ingenieurbranche haben.

3. Persönliche Kontakte mit Kollegen.

Diese Wege sollen in möglichst vielen, insbesondere den maßgebenden europäischenLändern verfolgt werden.

Der Blick in die anderen europäischen Länder  soll aufzeigen,
a. wie die jeweiligen Strukturen sind,
b. wie sich die Strukturen entwickelt haben.

Damit soll das Verständnis dafür wachsen,  warum es beispielsweise in Schweden die großen Konzerne gibt, wann sie entstanden sind und wo die Ursachen liegen. Es kann dann überprüft werden, ob die gleichen Ursachen für diese Veränderungen bei uns vorliegen oder die Politik sich aufstellt, die Grundlagen hierfür zu schaffen.

Der Arbeitskreis sieht es weiterhin als eine  Aufgabe an, für diese Fragen Aufmerksamkeit zu erregen. Die bisherigen Erkenntnisse stehen auf der Homepage der Bayerischen Ingenieurekammer- Bau unter dem Link www.bayika.de/download zur Verfügung. Weiterhin ist geplant, über Veranstaltungen einen öffentlichen Zugang und Austausch über diese Fragen zum strukturellen Wandel zu fördern.

Fazit 
Die Bewertung einer Veränderung der Strukturen in unserer Branche muss jeder Betroffene für sich selber vornehmen. Eine einheitliche Struktur aller kann es nicht geben, da die Interessen schon heute viel zu unterschiedlich sind. Jeder Einzelne muss sich damit auseinandersetzen, welche Strukturen seiner Vorstellung nach unserer Branche entsprechen. Diese Diskussion muss sich auch in den Verbänden und Kammern wiederfinden.


 

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