18.02.2019 | Ausgabe 1-2/2019

Neues Predigerseminar

Schloss Wittenberg mit Leichtbetonaufbau

Insgesamt sieben Quader aus Leichtbeton wurden auf das Dach des Wittenberger Schlosses gesetzt. / Quelle: Stefan Müller

Sieben Quader aus Leichtbeton beherbergen das neue Predigerseminar  auf dem Dach des Wittenberger Schlosses. Die Architektur soll den monolithischen Geist des Hauses weiterführen. Aber auch alle bauphysikalischen Vorgaben wie die eingeschränkte Tragfähigkeit des Schlossdachs werden so erfüllt – bei besonders einfacher Bauausführung.

2018 wurde der 500. Jahrestag des Reformationsanschlags an die Tür der Schlosskirche  in Wittenberg gefeiert. Das Jubiläum bildete auch den Anlass für eine Neuordnung der Wittenberger Reformationsgedenkstätten rund um die heutige UNESCO-Welterbestätte Schlosskirche Wittenberg. Dazu zählte insbesondere die Neugestaltung des Wittenberger Schlosses, die auch eine Erweiterung in Form des neuen Evangelischen Predigerseminars umfasste. Beauftragt wurde damit das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez, das alle baulichen Tätigkeiten bewusst in die bestehende Historie einpasste: „Es ist eine Fortschreibung im Sinne eines Palimpsests, also eines Pergaments, das immer wieder aufs Neue beschrieben wurde und dabei auch noch die alten Spuren zeigt“, so der federführende Architekt Prof. José Gutierrez Marquez. „Auch das Schloss ist ein solches Dokument, das immer wieder umgeschrieben wurde, vom Schloss über die Kaserne zum Museum und zur Jugendherberge. Die aktuelle Fortschreibung für das Predigerseminar stellt ei ne weitere, neue Textur auf den älteren Schichten dar.“

Leicht, dämmend und einfach auszuführen   
Nach diesem Ansatz entstanden auf dem Dach des Schlosses insgesamt sieben Quader aus „Liapor“-Leichtbeton, die die Lehr-, Gemeinschafts- und Arbeitsräume des Predigerseminars beinhalten. Der Leichtbeton ist aufgrund des geringen Gewichts mit den statischen Gegebenheiten vereinbar. Dazu zählt vor allem die begrenzte Tragfähigkeit des unterlagernden Gewölbes, das einen Aufbau etwa in Ziegelbauweise nicht zugelassen hätte. Die Lasten der Leichtbetonbauten, deren Fundamente  auf den Kappenzwickeln des Gewölbes sitzen, werden dagegen sicher ins Mauerwerk  abgeleitet. „Gleichzeitig passt das Material am besten zum monolithisch gebauten Haus, und der Weiterbau folgt damit dessen Geist“, so Prof. José Gutierrez Marquez. Die massive gegossene Einschaligkeit fügt sich auch in die vorhandenen kräftigen Dimensionen des Hauses  in. Darüber hinaus sorgen die Dämmbetonwände für eine ausreichende Wärmedämmung. „Außerdem ist das einschalige Bauen mit Liapor-Leichtbeton von der Bauleitung und vom technischen Aufwand her einfach,  da hier keine technischen Schnittstellenprobleme wie oft beim zweischaligen Bauen auftreten und die gesamte Errichtung mit nur einem einzigen Unternehmen und damit einem einzigen Ansprechpartner ausführbar ist“, so der Architekt.

Die unbehandelten Sichtbetonflächen unterstreichen
den puristischen Charakter des Predigerseminars. / Quelle: Stefan Müller

Sichtbeton mit besonderer Oberflächenstruktur   

Sämtliche Gebäudehüllen der sieben Quader wurden mit rund 650 Kubikmeter eines  LC 12/13 D1.2 mit Körnung F3,5 und Leichtsand errichtet. Die Stärke der Außenwände liegt zwischen 24 und 76 Zentimetern, die der Innenwände zwischen 20 und 30 Zentimetern. Auch die Unterdecken bestehen aus Leichtbeton mit 20 bzw. 24 Zentimetern Mächtigkeit. Die Verwendung einer kleinformatigen gebürsteten Brettschalung verleiht dem Beton einen besonderen Charakter, denn die Struktur der Oberflächen verziert die Quader, um so deren Massivität optisch zu erleichtern. Alle Sichtbetonflächen wurden deshalb auch nicht nachträglich kosmetisch behandelt,  sondern erscheinen so, wie sie nach dem Ausschalen zutage traten. Gleichzeitig unterstreicht die schlichte Erscheinung der Sichtbetonwände den puristischen unverfälschten Charakter des Predigerseminars. 

Pünktlich zum 31. Oktober 2017 konnte das neu gestaltete Schloss wieder genutzt  werden. Es demonstriert seitdem eindrucksvoll, wie histo ische Bausubstanz Teil des  gesellschaftlichen Wandels werden kann und ist damit die gelungene Antwort auf die  Anforderung an Architektur im Wandel der Epochen.


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