18.02.2019 | Ausgabe 1-2/2019

Neuer Referenzrahmen des ASBau

Interview mit Dr.-Ing. Hubertus Brauer

Bolognareform, Digitalisierung, steigende Zahl neuer Studiengänge: Um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben, muss die Qualität der Bauingenieurausbildung in Deutschland gesichert sein. Die Bundesingenieurkammer setzt sich seit Jahren für eine zukunftsweisende und qualitativ hochwertige Bauingenieurausbildung ein, unter anderem durch ihre Mitarbeit im ASBau. / Quelle: kasto/fotolia

Im Jahr 2002 führte die „Bologna-Reform“ in Deutschland zu neuen Studienstrukturen. Die bisher üblichen Magister- und Diplomstudiengänge  wurden nahezu flächendeckend durch das zweistufige Modell von Bachelor- und Masterstudiengängen ersetzt. Dies sollte innerhalb Europas zu einem einheitlichen und vergleichbaren Studiensystem führen und Studierenden und Arbeitnehmern einen Wechsel innerhalb der EU erleichtern. Im Bereich des Bauwesens führte die Einführung der neuen Studienstrukturen zu großer Verunsicherung. Der Übergang von international anerkannten Diplom-Studiengängen im Ingenieurwesen zu Bachelor- und Masterabschlüssen ließ viele befürchten, dass die Qualität und infolge dessen das hohe Ansehen von Ingenieuren aus Deutschland gefährdet sein könnte. Daher organisierten sich 2002 zentrale Akteure des Bauwesens, Vertreter der Bauwirtschaft, der Hochschulen und Universitäten, der Ingenieurkammern, der Beratenden Ingenieure, der öffentlichen Verwaltung sowie der Studierenden im Akkreditierungsverbund für Studiengänge des Bauwesens (ASBau). Bereits 2003 veröffentlichten sie gemeinsam einen ersten abgestimmten Studienkanon für das Bauingenieurwesen. Im Januar 2019 präsentierten die Mitglieder des ASBau nun einen neuen Referenzrahmen für Studiengänge des Bauingenieurwesens (Bachelor). Für die Bundesingenieurkammer war Dr.- Ing. Hubertus Brauer, Vizepräsident der BIngK sowie Vizepräsident im Vorstand des ASBau, maßgeblich an der Erarbeitung des Referenzrahmens beteiligt.

Wozu braucht es einen Referenzrahmen?
Im Zusammenhang mit der Bologna-Reform sind zahlreiche neue Studiengänge entstanden. Wir  haben jedoch festgestellt, dass sich hinter manchhochtrabender Studiengangbezeichnung wenig  ngenieurinhalte finden lassen. Viele Patchwork- Studiengänge verwenden dabei den Begriff „Ingenieur“ als Qualitätsmerkmal, ohne dass diese  Abschlüsse dazu führen, dass der Absolvent letztlichdie erforderlichen Kompetenzen und Fähigkeiten  eines Bauingenieurs erlangt. Das bereitetuns als Ingenieurkammern Sorgen. Denn gute  Ingenieurinnen und Ingenieure werden überall   nderingend gesucht. Das darf aber nicht dazu führen, dass scharenweise Studierende mit Bachelor- bschluss auf den Arbeitsmarkt strömen,  ohne jedoch über ausreichendes Wissen über die Materie zu verfügen. Damit tun wir weder dem Berufsstand noch den Verbrauchern einen Gefallen. Denn nur solides Grundlagenwissen führt zur Entwicklung der Kompetenzbildung.

Der Referenzrahmen beschreibt in Stichworten,welche Kompetenzfelder innerhalb eines Bachelorstudiums erarbeitet werden sollten,  welche Kenntnisse und Fähigkeiten dabei im Studium vermittelt werden und mit welchen Kompetenzen der Absolvent dann in die Berufswelt geht.

Hinzu kommt, dass die Digitalisierung das Berufsbild der Ingenieurin/des Ingenieurs stark  verändert. Diesen Entwicklungen muss auch im Studium Rechnung getragen werden. Aus diesem Grund hat der ASBau einen gemeinsamen neuen Referenzrahmen erarbeitet. Damit wollen wir auch mit der gestuften Studienstruktur für die Qualität der Studiengänge des Bauwesens sorgen. Hierfür wurden erstmals im Jahr 2003 unter allen Stakeholdern abgestimmte Studienstandards für Studiengänge des Bauingenieurwesens entwickelt und veröffentlicht. Die Fortschreibung erfolgte 2010 und wurde jetzt erneut überprüft. Der aktuelle Referenzrahmen ist auf der Grundlage der bisherigen Erfahrungen entstanden. Das heißt, aus den Erkenntnissen der vergangenen Jahre haben wir nun Empfehlungen erarbeitet, die für ein breit angelegtes Bauingenieurstudium unabdingbar sind und die fachlichen und sozialen Kompetenzen der werdenden Bauingenieure stärken sollen. Mit diesem Beitrag aller zentralen Akteure  des Bauwesens sowie der Hochschulen und Universitäten ist aus unserer Sicht die notwendige Grundlage für einen zukunftsweisenden, hochwertigen und berufsbefähigenden Bauingenieurabschluss gelegt.

An wen wendet sich der ASBau konkret?
Zielgruppe für den Referenzrahmen sind Hochschulen,  die Bauingenieur-Studiengänge anbieten und weiterentwickeln, aber vor allem auch die Fachgutachter („Peers“) in den Akkreditierungsverfahren.  enn das Ziel des Referenzrahmens ist es ja, die Akkreditierungsagenturen bzw. die Peers, die für die Begutachtung und damit die Qualitätssicherung von Studiengängen zuständig sind, bei ihrer Bewertung von Studiengängen im Bauwesen zu unterstützen. Darüber hinaus soll der Referenzrahmen den Hochschulen im Vorfeld einer Akkreditierung oder Evaluierung als Leitfaden bei der Entwicklung von Studiengängen im Bauingenieurwesen dienen.

Was genau steht in dem Referenzrahmen?
Die Mitglieder des ASBau haben sich mit dem Referenzrahmen inhaltlich auf Kompetenzfelder verständigt. Diese Kompetenzfelder umfassen das unabdingbare Grundlagenwissen  genauso wie wichtiges fachspezifisches Wissenund die dazugehörigen Fertigkeiten und Kompetenzen. Die Darstellung orientiert sich dann  an bestehenden Qualifikationsrahmen und greift die Kategorien „Wissen“ (Theorie- undFaktenwissen), „Fähigkeiten bzw. Fertigkeiten“  (Anwendung von Wissen/Kenntnissen) und „Kompetenzen“ (Fähigkeit zur eigenständigen Problemlösung) auf.

Alle Kompetenzfelder sollten während des Studiums aufgegriffen werden und die aufgeführten  Inhalte möglichst breit abbilden. Dabei bleibt es den jeweiligen Hochschulen natürlich überlassen, eine Zuordnung und Bündelung zu Studienmodulen vorzunehmen. Abweichungen von spezifischen Inhalten sollten jedoch transparent gemacht und immer mit den Besonderheiten des konkreten Studiengangs (z. B. stärkerer Schwerpunkt auf anderen Kompetenzfeldern) begründet werden. Grundsätzlich besteht im ASBau die Auffassung, dass alle genannten Studieninhalte wichtig für die spätere Berufstätigkeit im Bauingenieurwesen sind und bereits im Bachelor-Studium vermittelt werdensollten. Damit wollen wir gewährleisten,  dass angehende Bauingenieure einen Überblick über das gesamte Spektrum des Bauingenieurwesens erhalten und sich auf dieser berufsqualifizierenden Grundlage für eine zukünftige Vertiefung entscheiden können.

Auch sogenannte Soft Skills müssen Gegenstand der Hochschulbildung sein. Sie können inhaltlich aber keinem Kompetenzfeld konkret  zugeordnet werden. Zur besseren Verständlichkeit hat der ASBau daher einen Katalog von Kompetenzen definiert, die im Verlauf desgesamten Studiums vermittelt und in die fachlichen  Inhalte integriert werden sollten. Zur Vermittlungeignen sich besonders auch interdisziplinäre  Projekte, die gleichzeitig ein wichtiges Element im Hinblick auf die zukünftige Tätigkeit im Bauingenieurwesen sind. Je früher Studierende entsprechende Erfahrungen machen, desto erfolgreicher gelingt ihnen der Übergang in das Berufsleben. Und genau das ist unser Ziel: gut ausgebildete Ingenieure, die fachlich kompetent, verantwortungsvoll und kreativ die an sie gestellten Anforderungen bewältigen können.

Warum setzt sich die Bundesingenieurkammer  dafür ein?
Uns als Ingenieurkammern ist sehr daran gelegen, dass in den kommenden Jahren nicht nurviele Bauingenieurinnen und Bauingenieure ihren Abschluss machen, sondern vor allem  viele gute. Dazu gehört unserer Meinung nachein breit aufgestelltes Studium, das aber auch über einen entsprechend hohen MINT-Anteil verfügt. Gerade erst im vergangenen Jahr hat die Konferenz der Wirtschaftsminister (WiMiKo) sich auf die notwendigen MINT-Anteile im Ingenieursstudium  zum Führen der Berufsbezeichnung „Ingenieurin/Ingenieur“ im Musteringenieurgesetz verständigt. Diese Beschlüsse sind trotz zahlreicher Gespräche und Appelle seitens der Bundesingenieurkammer sowie weiterer Berufsverbände deutlich hinter den Erwartungen der 16 Länderingenieurkammern zurückgeblieben. Dies halten wir für sehr bedenklich. Denn bereits jetzt stellen viele europäische Länder – darunter Bulgarien, Portugal, Tschechien, Italien, Liechtenstein, Slowenien und Spanien – im Hinblick auf die „Technical ECTS“-Anteile im Ingenieurstudium deutlich höhere Anforderungen.Damit besteht die Gefahr, dass Deutschland  hinsichtlich der Qualität der Ingenieurausbildung auch im Bereich des Bauwesens massivhinter andere Länder zurückfällt. Daher haben wir gerne an dem vorliegenden Referenzrahmen  mitgearbeitet.

Wie würde aus Ihrer Sicht der „perfekte“ Bauingenieurstudiengang aussehen?
So, wie wir ihn im Referenzrahmen beschrieben haben. Natürlich hat der Referenzrahmen „nur“ Empfehlungscharakter. Denn selbstverständlich muss die Freiheit von Forschung und Lehre unbedingt gewahrt bleiben. Umso mehr würdeich mir wünschen, dass der Referenzrahmen  als Orientierung bald eine feste Größe für alle Hochschulen ist, die Ingenieurstudiengänge anbieten, und natürlich für alle diejenigen, die an der Akkreditierung und Evaluierung von Studiengängenbeteiligt sind. 

Das Interview führte Alexandra Jakob, Pressereferentin der Bundesingenieurkammer.

Weitere Informationen sowie den Referenzrahmen zum Download finden Sie unter:
www.bingk.de

Die 5 Grundprinzipien

1. Die Berufsbefähigung von Absolventinnen und Absolventen muss in allen Bachelor-Studiengängen  des Bauingenieurwesens gesichert sein.

2. Studieninhalte und Kompetenzziele sind entscheidend und müssen von den Hochschulen beschrieben werden. Zertifikate und Studienzeiten sind ohne Kenntnis der Studieninhalteund Kompetenzziele nicht aussagekräftig. 

3. Die Freiheit der Forschung und Lehre an den Hochschulen muss gewahrt bleiben. Profilbildung durch hochschulspezifische Studienschwerpunkte muss möglich sein.

4. Fachgutachterinnen und -gutachtern (Peers) sollen einfach zu handhabende und zu überprüfende Kriterien für Akkreditierungsverfahren von Bachelor-Studiengängen an die Hand gegeben werden.

5. Die Empfehlungen sollen nicht starr formalistisch angewendet werden, sondern geben einen Orientierungsrahmen vor. Abweichungen sollten transparent gemacht und begründetwerden.


 

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