14.06.2018 | Ausgabe 06/2018

Editorial

 

Liebe Leserinnen und Leser,

verhalten Sie sich nachhaltig? Denken, handeln, leben, bauen Sie nachhaltig? Stellen Sie sich manchmal auch die Frage, ob die vielen kleinen Dinge, die wir im Alltag tun, Auswirkungen auf die Umwelt oder das Miteinander haben? Ein Thema beherrscht seit einigen Wochen die Medien: Plastikmüll. Er findet sich nicht nur in großen „Wolken“ aus Folien und Plastiktüten in unseren Ozeanen wieder, sogar in der Tiefsee, sondern auch in großen Mengen in den Mägen von Walfischen und in mikroskopisch kleinen Mengen in den Mägen und im Fleisch anderer Lebewesen.

Ohne diesen Plastikmüll ginge es unserem Planeten, ginge es Tier und Mensch besser, da sind sich alle einig. Dennoch ist der Griff zur Plastiktüte beim Einkauf nach wie vor für viele Menschen Alltag – weil noch niemand sie verboten oder zumindest ein schlüssiges Konzept für ihr Recycling entwickelt hat. Hier wird es deutlich, das Dilemma: Anspruch und Wirklichkeit liegen häufig weit auseinander und zwischen dem Wissen über die Auswirkungen und dem realen Handeln liegen Welten. Aber hat der Kunde, der in der Marktwirtschaft ja sinnigerweise oft „Verbraucher“ genannt wird,überhaupt eine Chance?

Wer in seinem Alltag bewusst versucht, seinen Plastik verbrauch zu reduzieren,merkt schnell, dass es ambitioniert ist, weitestgehend plastikfrei zu leben. Selbst wenn man beim Einkauf seine Produkte gründlich im Hinblick auf generelle Müllvermeidung auswählt, landen immer noch genügend Erzeugnisse in den Einkaufskörben oder in unseren Briefkästen, auf deren Verpackung wir keinen Einfluss haben. Das heißt, man kann die Flinte ins Korn werfen, Briefe an Unternehmen schreiben und zu mehr Plastikvermeidung aufrufen – oder sich informieren, welche Möglichkeiten man hat, selbst aktiv zu werden. Denn in einem sind sich alle Experten einig: Wenn jeder seinen Plastikverbrauch kontrolliert und einschränkt, ist das ein erster wichtiger Schritt zu mehr Umweltschutz und mehr Ressourcen effizienz. Noch wichtiger ist aber der richtige Umgang mit den Dingen, die wir nicht steuern können, die aber dennochirgendwann in unserem Verantwortungsbereich liegen. Bei den Verpackungen heißt das: Führe ich sie dem richtigen Recyclingsystem zu, werden sie entweder wiederverwertet oder verbrannt und ich schränke damit den Schaden, der durch Plastik entsteht,zumindest ein.

Überträgt man das nun auf andere Lebensbereiche, wird deutlich, dass „Nachhaltigkeit“ ohne die eigene Verantwortung nicht funktionieren kann. Wer heute mit seinem Handeln nicht die Auswirkungen auf die Zukunft berücksichtigt, agiert einfach nicht nachhaltig. Es macht wenig Sinn, der Begriffserklärung des Worts auf den Grund zu gehen – Nachhaltigkeit ist schon lange den Kinderschuhen eines Modebegriffs entwachsen, dazu hat sie sich viel zu tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Und sie ist auch eine Frage der persönlichen Einstellung. Zertifizierungen, Kategorisierungen, Vorgaben oder der Einsatz ausgewählter Materialien können Hilfestellungen sein oder Orientierung geben. Sie sind vielleicht erstrebenswert, sie dienen manchmal als Verkaufs- oder Nachweisargumentation oder sie setzen einen juristischen Rahmen, in dem man sich zu bewegen hat. Was sie alle nicht sind: gute Gründe, sich auf dem Erreichten auszuruhen oder in anderen Bereichen nachlässig zu werden. Ob und im welchem Umfang wir also nachhaltig denken, handeln, leben oder bauen, zeigt sich erst in der Summe unserer Einstellungen und der Vielzahl an Maßnahmen, die jeder einzelne, jedes Unternehmen, jede Branche ergreift.

Susanne Scherf


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