12.12.2018 | Ausgabe 12/2018

Baukultur: Die Kultur des Entstehens von Bauwerken

Ingenieurbaukunst 2019

Neubau Rethe-Doppelklappbrücke: Spannweite ca. 104 m, Hamburg / Quelle: Ingenieurbüro Grassl GmbH

Mit „Ingenieurbaukunst 2019 – Made in Germany“ ist im November das elfte von der Bundesingenieurkammer herausgegebene Jahrbuch erschienen. Die Serie wurde 2001 begründet – damals noch unter dem Titel „Ingenieurbaukunst in Deutschland“. Die bewusste Wahrnehmung von Bauwerken, von ihren Entstehungsprozessen und Funktionalitäten, von ihren wirtschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen  durch die Öffentlichkeit zu befördern, ist der Zweck dieses Jahrbuchs der deutschen Bauingenieure für ein breites Publikum. Das Buch ist auch Ausdruck des Stolzes auf einzigartige Bau-Leistungen, die ein hohes Maß an Kreativität erfordert haben.

Die Kreativität des Bauingenieurs besteht nicht allein in intuitionsgeführten Skizzen auf weißem Papier, sondern in der beharrlichen Suche nach immer besser optimierten Tragstrukturen, intelligenter Materialwahl, in der Vertiefung in Detailfragen, Aneignung neuer Berechnungs- und  Formfindungsmethoden, Prüfung und Änderung von Fertigungsabläufen und manchmal in der Anpassung eines Projekts an geänderte Rahmenbedingungen. Unter denMühen der Ebene eines anstrengenden und oft wenig  kurzweiligen Projekts dürfen sich die hohe Verantwortungsbereitschaft des Bauingenieurs und seine Kreativität nicht abschleifen.

Futurium: reflektierende und transparente Fassadenelemente / Quelle: Schüßler-Plan/Hanns Joosten

Die aktuelle Ausgabe präsentiert 18 Projekte inDeutschland und weltweit, die ein breites Spektrum der  Bauaufgaben unserer Ingenieurbüros und ihrer Projektpartner bzw. Auftraggeber in ihrer Komplexität aufzeigen.

Darunter sind Bauwerke der Verkehrsinfrastruktur, wie z. B. die imposante Rethe-Doppelklappbrücke für Straße und Schiene im Hamburger Hafen vom Ingenieurbüro Grassl GmbH mit der Hamburg Port Authority. Es sei erwähnt, dass sie die größte ihrer Art ist – wohl wissend, dass solche Attribute nicht von Dauer sind. Es wurde eine Lösung ohne mechanische Verriegelung der Klappen gefunden, was die Instandhaltung minimiert. (Bilder 1, 2)

Nicht nur Brücken sind landschaftsprägend, auch Stätten der Begegnung und gemeinschaftlichen Betätigung können in ihre natürliche Umgebung eingepasst sein. So erhielt das denkmalgeschützte Natureisstadion in Schierke im Harz eine neue, elegante Überdachung in Form eines sattelförmigen Flächentragwerks von  schlaich bergermann partner und wurde zur multifunktionalen Feuerstein Arena. (Bilder 3, 4)

Repräsentative und Kulturbauten erlangen zwar die Aufmerksamkeit des öffentlichen Interesses, oft aber nicht mit den Details, die ihre endgültige Gestalt bestimmen oder ermöglichen. Umso schöner und erhebender, wenn vielen Laien die Tragwirkung eines Betonfaltwerks erhellt werden kann, wie es angesichts der Deichmanske Bibliotek in Oslo mit ihrem in Teilen vorgespannten 18 m auskragenden Dachtragwerk von Bollinger + Grohmann gelingt. (Bilder 5, 6)

Wenn Ingenieure und Architekten aufgefordert sind, Wirkungsstätten für Forschung an zukunftsweisenden Technologien zu erschaffen, dann sind dies denkbar günstige Gelegenheiten, solchen Institutionen mit moderner Architektur und innovativer Ingenieurkunst eine Form und Inhalt einende Gestalt zu geben. Dieser Band präsentiert solche Bauwerke: das Futurium im Berliner Regierungsviertel, die neue Ingenieurschule CentraleSupélec bei Paris, die Experimentaleinheit Urban Mining and Recycling (UMAR) im NEST-Campus der EMPA Dübendorf. (Bilder 7, 8)

Besondere Herausforderungen ergeben sich für die Planung und Ausführung an Bestandsbauten, manchmal unter Denkmalschutz. Dabei muss es sich nicht immer um prominente, vom allgemeinen Konsens als „schön und bewahrenswert“ empfundene Bauwerke handeln. In sechs Beiträgen scheinen sowohl Glanzlichter als auch viele Facetten der möglichen baukulturellen Problemstellungen auf. Eine echte funktionale, akustische Verbesserung erfuhr zum Beispiel der Zuschauersaal der Staatsoper Unter den Linden in Berlin mit einer Nachhallgalerie unter Verwendung  lasfaserverstärkter Phosphat-Keramik.

Bundesingenieurkammerpräsident Hans-Ullrich Kammeyer (rechts) überreichte auf dem diesjährigen Konvent der Baukultur das Jahrbuch an Gunther Adler, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (links). / Quelle: Till Budde

Zum Selbstverständnis unserer Disziplin hält das Jahrbuch anregende Essays bereit, die sich mit Energiekonzepten bzw. Ingenieurwettbewerben (siehe Zitat,  entnommen aus J. Conzett: Blick in die Nachbarschaft – Bemerkungen zu Ingenieurwettbewerben in der Schweiz) auseinandersetzen bzw. an altvordere Protagonisten der Bautechnikgeschichte, dieses Mal Willy Gehler, erinnern.

Mit den wenigen hier namentlich aufgeführten Beiträgen sei die Neugierde auf weitere Projekte – kühne Brücken, freigeformte, „weiche“ Glas-Netzschalen, ausgezeichnete wie auch vermeintlich unspektakuläre Projekte,solche in Metropolen und auf dem Land – geweckt. Sie alle dokumentieren die fruchtbare Zusammenarbeit von Tragwerksplanern, Architekten, Fachplanern und Energiedesignern,  Materialwissenschaftlern und Bauunternehmen – für eine nachhaltige und bereichernde Baukultur.

„Ingenieurbaukunst – Made in Germany“ erscheint auch dank der freundlichen Unterstützung durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, das damit die besondere baukulturelle Bedeutung des Buchs würdigt. „Ingenieurbaukunst 2018 – Made in Germany“ ist am  7. November erschienen, hat einen Umfang von 182 S. und kostet 39,90 €. www.ernst-und-sohn.de, ISBN: 978-3-433-03259-6.

Hinweis: Für die kommende Ausgabe 2020 des Jahrbuchs können ab sofort Projektvorschläge bei der Bundesingenieurkammer (presse@bingk.de) eingereicht werden.

„Der Wettbewerb ist auch ein kultureller Akt. Es gehört zu den Besonderheiten der Berufe des Ingenieurs und des Architekten, dass sie sich bisweilen treffen, um anhand einer konkreten Aufgabe über Sinn und Unsinn bestimmter Entwurfshaltungen zu diskutieren“
Jürg Conzett

› Der Fachbeirat

Prof. Annette Bögle, HCU Hamburg
Prof. Harald Kloft, TU Braunschweig
Prof. Werner Lorenz, BTU Cottbus 
Dr. Frank Heinlein, Werner Sobek Group GmbH
Prof. Natalie Stranghöner, Universität Duisburg-Essen
Rainer Ueckert, Bundesingenieurkammer 


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