12.12.2018 | Ausgabe 12/2018

Ein Teepott, der Baugeschichte schreibt

Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland

Er gilt als einer der wichtigsten DDRBauten in Norddeutschland: Der Teepott in Rostock-Warnemünde, der 1968 von den Architekten Erich Kaufmann, Carl-Heinz Pastor und Hans Fleischhauer gemeinsam mit dem Bauingenieur Ulrich Müther gebaut wurde. / Quelle: André Weiß

Er ist eines der beliebtesten Fotomotive in Mecklenburg-Vorpommern und ziert Postkarten ebenso wie Briefmarken. Nun darf sich der Teepott in Rostock-Warnemünde auch „Historisches Wahrzeichen  der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ nennen. Mit der Verleihung dieses Titels am 18. Oktober 2018 ehrte die Bundesingenieurkammer gemeinsam mit der Ingenieurkammer Mecklenburg- Vorpommern den markanten Rundbau als historisch bedeutendes Ingenieurbauwerk.

Geprägt wird die Ansicht des Teepotts durch das Hyparschalen- Dach von Bauingenieur Ulrich Müther. Ähnlich wie bei Brückenbauten, Überdachungen oder Türmen wirkt sich die Konstruktion maßgeblich auf die Gesamtform des Gebäudes aus. Als eines der wichtigsten DDRBauwerke im Norden wurde der Teepott 1984 unter Denkmalschutz gestellt.

„Wir haben viele bekannte Bauwerke in Rostock-Warnemünde. Aber der Teepott ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Das Bauwerk von Ulrich Müther ist bis heute modern und zeitlos und ich möchte allen danken, die in den vergangenen 50 Jahren zur Erhaltung dieses Kleinods beigetragen haben“, sagte Roland Methling, Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock am Tag der Verleihfeier.

Gemeinsam mit Wulf Kawan, dem Präsidenten der Ingenieurkammer Mecklenburg-Vorpommern, und Hans- Ullrich Kammeyer, dem Präsidenten der Bundesingenieurkammer, begrüßte er die Gäste vor dem markanten Baukörper. „Der Teepott verkörpert nicht nur Baugeschichte, sondern er gehört als ein Gegenstück zur Architektur der Plattenbauten auch untrennbar zur Geschichte der vergangenen DDR. Mit der Auszeichnung ehren wir aber nicht nur das Bauwerk, sondern gleichzeitig auch Ulrich Müther, einen der bedeutendsten Bauingenieure der ehemaligen DDR, der – und darauf sind wir stolz – bis zu seinem Tod Mitglied der Ingenieurkammer Mecklenburg-Vorpommern war“, so Dipl.-Ing Kawan. In einer bewegenden Rede schilderte er beim anschließenden Empfang den Lebensweg Müthers, der viele Herausforderungen und auch Schicksalsschläge beinhaltete. Auch Bundesingenieurkammerpräsident  Kammeyer unterstrich die herausragenden Leistungen des außergewöhnlichen Baumeisters: „Ulrich Müther hat mit seinen Betonschalenbauten wie dem Teepott die Moderne in der DDR maßgeblich mitgestaltet und ein reiches Erbe hinterlassen. Beides gilt es zu würdigen und damit auch kommende Generationen von Ingenieurinnen und Ingenieuren zu motivieren, mutig und kreativ unsere gebaute Umwelt mitzugestalten.“

Als einer der wichtigsten DDR-Bauten wurde der Teepott 1968 von den Architekten Erich Kaufmann, Carl-Heinz Pastor und Hans Fleischhauer gemeinsam mit dem Bauingenieur  Ulrich Müther gebaut. Der große Rundbau, der von einem formal auffälligen, sehr dünnen Betonschalendach gekrönt ist, gehörte damals zu den Highlights des Ingenieurbaus in Deutschland. In dem zu DDR-Zeiten intensiv genutzten öffentlichen Gebäude befanden sich ein Restaurant, ein Café mit Tanzfläche sowie zwei Bars im Untergeschoss. 1984 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Nach der Wende stand der Teepott längere Zeit leer, 2002 erfolgte ein Umbau, bei dem das Gebäude sehr  stark verändert wurde. Aktuell wird in der Öffentlichkeit über eine weitere Renovierung diskutiert.

Der nur rund 7 m entfernte und im klassizistischen Stil erbaute Leuchtturm von 1898 und der Teepott bilden ein Ensemble, das Warnemünde prägt. / Quelle: BIngK

Dünnwandig wie bei einem Hühnerei
 Ulrich Müthers Schalenbauten sind typische Ingenieurhochbauten der Moderne. Wie bei einem Hühnerei wird über eine dünnwandige Form die notwendige Stabilität erreicht – nicht wie bei konventionellen Bauten durch eine entsprechend starke Ausführung linearer oder ebener Bauteile. Schalenbauten ermöglichen den Planern große Spannweiten, geringe Konstruktionshöhen, materielle Leichtigkeit und Sparsamkeit bei einer geringen Verformung der Konstruktion unter Belastung. Sie sind in Materialien gebräuchlich, die sowohl Zug- als auch Druckkräfte aufnehmen können, etwa Holz, Kunststoff und Stahlbeton. Müther beschäftigte sich bis auf eine einzige Schale in  Holzbauweise, den Orchesterpavillon in Ralswiek auf Rügen (1980), ausschließlich mit Schalen aus Stahlbeton. Der Formenkanon der Schalenbauweise definiert sich folgendermaßen: Unter einem dünnen, möglichst stützenfrei geformten Betondach stellt eine hauchdünne Glasfassade den Raumabschluss dar. Das Ergebnis ist ein flexibel nutzbares , materialökonomisches Gebilde, das vielen Anforderungen  gerecht werden kann. Es ist allerdings im Material eton nur sehr arbeitsintensiv herzustellen. Ulrich Müther realisierte mit insgesamt 74 Schalenbauten eine stattliche Anzahl von Projekten, aber er war nicht der erste und auch nicht der einzige, der sich mit dieser Bauweise auseinandersetzte. Schalenbauten entstanden in Deutschland und in Spanien bereits seit den Zwanzigerjahren.

Baukörper und Form: Der Teepott als Rundbau
Der Teepott war Ulrich Müthers erster Rundbau. Der Entwurf nimmt Bezug auf einen Vorgängerbau, ebenfalls ein Rundbau am selben Standort, den sogenannten Teepavillon von 1925/1926. Rundbauten stellen eine besondere architektonische Bauform dar. Sowohl für Zweckbauten als auch für repräsentative Gebäude hat man diese Geometrie bei besonderen städtebaulichen oder funktionalen Anforderungen gewählt: für die mongolische Jurte, das indianische Tipi, das römische Pantheon oder die Befestigungstürme von Schloss Windsor, um nur einige der bekanntesten Beispiele zu nennen.


 Auch in der Moderne hat sich diese Bauform gehalten. Beispiele sind Konstantin Melnikows eigenes Wohnhaus in Moskau, Richard Buckminster Fullers Dymaxion House, die Hochhäuser der Marina City in Chicago oder jüngst der riesige kreisförmige Hauptsitz des Unternehmens Apple in Cupertino (Kalifornien). An der Aufzählung lässt sich erkennen,dass es sehr unterschiedliche Anforderungen an die Erstellung eines Rundbaus gibt. Ob private oder öffentliche Bauherren – es scheinen Ökonomie, Bauweise und Konstruktion sowie der Ausdruck und die Zeichenhaftigkeit der Bauform im jeweiligen Kontext eine Rolle zu spielen. Diese Aspekte treffen auch auf den Rundbau Müthers mit seiner Signalwirkung an der Hafenzufahrt in Warnemünde und der Ökonomie der Dach- und Fassadenkonstruktion aus einer dünnen Betonschale und einer transparenten  Isolierverglasung zu.

Rundbauten als Solitäre
Der Teepott wirkt auf den ersten Blick wie ein Solitär, ist aber bei genauerem Betrachten in Verbindung mit dem nur rund 7 m entfernten Warnemünder Leuchtturm zu sehen, einem kreisrunden, im klassizistischen Stil erbauten Turm von 1898 mit einer Höhe von 36,90 m. Der Leuchtturm und der Teepott bilden ein Ensemble, das Warnemünde prägt: ein breiter, flacher und ein hoher, schlanker Rundbau, die geometrisch aufeinander abgestimmt sind. Auf Postkarten werden beide Gebäude fast immer als Paar abgebildet, im Hintergrund häufig noch durch große Fährschiffe oder Frachter um eine weitere Architekturdimension ergänzt. Der Turm ändert seine relative Position zum  Teepott mit jeder neuen Perspektive, die der Betrachter bei einem Rundgang um das Gebäude wählt. Einmal steht der Leuchtturm rechts vom Teepott, einmal links davon, ein anderes Mal dahinter – eine Dynamik, die das Betrachten dieses Ensembles so interessant macht. Hinzu kommt, dass das Schalendach des Teepotts je nach Standort symmetrisc h oder asymmetrisch erscheint, ein Phänomen, das auf die Dreigliedrigkeit der Schale zurückzuführen ist.

Die klare Gliederung der Fassade
Betrachtet man die Fassade des Teepotts auf zeitgenössischen Fotografien, lässt sich sowohl eine starke horizontale als auch eine klare vertikale Gliederung erkennen. Die Vertikalität entsteht durch die Regelmäßigkeit der stählernen Fassadenpfosten in den oberen beiden Dritteln der  assade, die das damals noch neuartige Thermoglas – ein Isolierglas mit einem Luftraum zwischen zwei Glasscheiben – aufnehmen. Die Horizontalität wird durch einige teils umlaufende „Bänder“ in der Fassade definiert. Band eins ist der im Untergeschoss mit Klinkern verkleidete  Sockel, der seeseitig deutlich aus dem Hang herausragte. Band zwei ist die Strukturfassade, deren Entwurf und Ausführung von dem Berliner Künstler Achim Kühn stammte und die aus Stahl gekantet, dann geätzt und glasiert worden war. Band drei ist ein schmales Band aus braunen, horizontal angeordneten Holzbrettern, das direkt über der Kühn’schen Fassade lag. Nochmals darüber kommt das eher unauffällige Band vier: Ein textiles, tra nsluzentes Band aus Vorhangstoff auf der Innenseite der Glasfassade  sollte den Einblick in die Wirtschafträume verhindern.

Die Strukturfassade wurde im Zuge der Renovierung 2002 abgebaut und an einem unbekannten Ort eingelagert.  Ein weiteres interessantes Fassadendetail wurde während dieses Umbaus ebenfalls verändert: Den Anschluss des Thermoglases an die Schräge der Dachschale hatte man ursprünglich mit dreieckigen Metallpanelen hergestellt, heute ist dieser Anschluss in Glas ausgeführt.

Ein Blick in den luftigen und hellen Innenbereich des Teepotts. Von dort eröffnet sich dem Betrachter ein atemberaubenderBlick auf die Ostsee. / Quelle: BIngK

Die Geometrie des Teepots
 Überzeugend einfach ist der formale und strukturelle Ansatz des Teepott-Entwurfs: Unter einem in drei Teile gegliederten Schalendach aus Beton befindet sich ein streng zylindrisch aufgebauter gläserner Baukörper. 

Drei gleich große, an den Rändern beschnittene hyperbolische Paraboloide werden am Scheitelpunkt in der Mitte zusammengefügt. Dieses Schalendach wird von drei ebenfalls schrägen Stützen, wie bei einem Stativ oder einem Tisch, getragen. Die gebogenen Ränder liegen beim Teepott höher als der mittlere Scheitelpunkt.

Die „klassische Grundform“ des hyperbolischen Paraboloids lässt viele formale Variationen zu, indem man die Ränder beliebig „beschneidet“ und die daraus entstandenen Formen miteinander kombiniert. Dem Spiel mit der Geometrie sind fast keine Grenzen gesetzt und es lassen sich konzentrische wie auch lineare Kombinationen daraus ableiten. Müther probierte im Lauf seiner Karriere als „Schalenbaumeister“ fast alle Möglichkeiten aus. Die Dachkonstruktion hat einen Außendurchmesser von 40 m. Ihre drei Hyparschalen überspannen jeweils einen Winkel von 120°. Die Schnittlinien sind an der Oberseite ausgerundet – so entsteht ein harmonischer Übergang von Schale zu Schale. Bis auf die drei Auflagerpunkte an den Tiefpunkten ist die Schale komplett stützenfrei. Die Fassadenkonstruktion leitet zwar die auftretenden horizontalen Lasten aus Wind in die Schalenfläche ein, sie ist aber keine tragende Unterstützung des Dachs. Der direkte Abstand von Auflager zu Auflager, und damit die frei tragende Spannweite der Hyparschale, beträgt 27,70 m. Bei einer Schalendicke von 7 cm wird eine Schlankheit, das Verhältnis von Spannweite zu Schalendicke, von fast 1: 400 erreicht. Der Randbereich der Schale ist mit 10 cm etwas dicker und die Kehlen, die Linien, an denen sich die drei Schalenelemente verschneiden, verdicken sich zu den Auflagerpunkten hin auf 30 cm, um die konzentrierten Lasten übertragen zu können. Die Wände, die im Innenraum bis an die Schale heranreichen, sind nachträglich bei Sanierungsmaßnahmen eingebaute leichte Trennwände, sie haben keinerlei konstruktive Funktion.

Die Außenkante der drei Dachsegmente folgt nicht dem kreisrunden Grundriss des Gebäudes mit einem Durchmesser von 30 m, sondern der parabelförmigen Höhenentwicklung:  Der höchste Punkt hat die weiteste Auskragung, der niedrigste die geringste. So entsteht im Grundriss ein Dreieck mit abgerundeten Ecken. Der Radius des Dachs bewegt sich zwischen 16 und 20 m. Im Auflagerbereich, an den tiefsten Stellen, beträgt die Auskragung lediglich 1 m, sie steigert sich jedoch zu den Hochpunkten auf einen frei über die Fassade herausragenden Dachrand von 5 m.

Die Auflager verlaufen von den im Sand vergrabenen Punktfundamenten aus Beton mit den Abmessungen von 3 x 3 m Grundfläche und einer Stärke von 2 m schräg, im Winkel der Dachfläche, bis auf eine Höhe von +2,20 m über  Oberkante Fußboden. Von dort erhebt sich die Schale auf 8 m in der Mitte des Raums und bis auf 12 m an den weit auskragenden Dachüberständen. Der Stich der Schale, die statische Höhe am Mittelpunkt, beträgt somit 5 m. Damit ergibt sich ein Verhältnis von Spannweite zu statischer Höhe von 1:4,8. Der große, kreisrunde Innenraum mit einem Durchmesser von 30 m war, bis auf eine 6 m breite umlaufende Galerie, bis unter das Dach geöffnet. Die Galerie verläuft in einer Höhe von 3,20 m. Das ganze Gebäude hat eine Unterkellerung mit einem Fußbodenniveau auf -2,85 m.

Die kompletten Arbeiten an der Hyparschale mit Einrüstung, Schalung, Bewehrung, Betonarbeiten und Ausschalen erfolgten innerhalb von fünf Wochen. Abschließend wurde die Fassade zwischen dem massiven Erdgeschoss und der Hyparschale mit einer filigranen Pfosten-Riegel-  Konstruktion aus Stahl geschlossen. Die Fassade ist zwar am Dach befestigt, jedoch so, dass nur Horizontalkräfte aus Wind auf sie übertragen werden können. Sie bildet kein Auflager für die Betonschale. Die Bauarbeiten hatten mit dem Herstellen der Fundamente im Februar 1968 begonnen und konnten im Juni, nach nur fünf Monaten und pünktlich zur 750-Jahr-Feier der Stadt Rostock, abgeschlossen werden.

Alle technischen und historischen Hintergründe zum Teepott in Rostock-Warnemünde sind von Matthias Ludwig, Johannes Liess, Asko Fromm, Andreas Schätzke und Antje Diebermann unter dem Titel „Der Teepott in Rostock- Warnemünde“ erschienen. Die Publikation ist Teil der Schriftenreihe „Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“. Ihr entstammen auch die in diesem Beitrag enthaltenen Informationen.

Die Auszeichnungsreihe „Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ wird unterstützt vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, den Ingenieurkammern  der Länder und dem gemeinnützigen Förderverein „Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“.

Weitere Informationen sowie alle Publikationen sind erhältlich unter: wahrzeichen.ingenieurbaukunst.de/


 

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