09.11.2018 | Ausgabe 11/2018

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
in der vorletzten Oktoberwoche zierte zahlreiche Tageszeitungen ein spektakuläres Bild: Über blaugrünes
scheinbar endloses Wasser schlängelt sich filigran ein Brückenbauwerk der Sonderklasse. Die aktuell längste Seebrücke der Welt verbindet Honkong mit dem chinesischen Festland, 35 Kilometer des 55 Kilometer langen Bauwerks führen über Wasser. Unterbrochen wird die Konstruktion im Hauptschifffahrtskanal durch einen 6,7 Kilometer langen Wassertunnel zwischen zwei künstlich aufgeschütteten Inseln. Und dieser Tunnel beansprucht als längster Unterwassertunnel der Welt, und durch seine Lage 48 Meter unter der Wasseroberfläche auch gleichzeitig als der am tiefsten gelegene, gleich zwei Rekorde für sich.
Das Gesamtbauwerk gilt als Meisterwerk der Ingenieurskunst – und auch dieser Satz war zahlreich zu lesen. Gewappnet gegen Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern pro Stunde, Erdbebensicher bis zu einer Stärke 8 und rammstabil bei Kollisionen durch Frachter haben die verantwortlichen Ingenieure nicht nur ein gigantisches Projekt realisiert, sondern obendrein viele zukünftige Eventualitäten eingeplant.

„Großartig“, mag so mancher denken (und es ist in den Kommentarfunktionen vieler Publikationen auch nachzulesen), „warum gelingt in Asien solch ein Großprojekt, und warum scheitern wir hier mit unseren?“

Denen sei an dieser Stelle versichert, dass es zahlreiche erfolgreiche Baumaßnahmen in Deutschland gibt, die reibungslos umgesetzt werden. Und dass auch die Errichtung der Hongkong-Zhuhai-Macao-Brücke alles andere als problemlos und unumstritten war. Neun Jahre betrug die Bauzeit, die Auseinandersetzungen um die Brücke schwelen schon viel länger. Proteste gegen die Planung, Demonstrationen, Skandale, Stopps während der Bauarbeiten, Pfuschvorwürfe und Todesfälle begleiteten und überschatteten das Großbauprojekt; und auch dieses Vorhaben hat mit seinen geschätzten Kosten von rund 15 Milliarden Euro das ursprünglich gesetzte Budget gesprengt. Es mag einen die Erkenntnis versöhnen, dass – unabhängig von der genialen Ingenieurplanung – das gute Gelingen eines Bauprojekts weltweit abhängig von Rahmenbedingungen ist, auf die auch die besten Ingenieure keinen Einfluss nehmen können.

Eine andere Nachricht aus dem Oktober, eher eine kleine Randnotiz, war ebenfalls interessant. Sie war nicht so signifikant wie die schöne Formulierung des „Meisterwerks der Ingenieurskunst“, aber sie hat auch eine wichtige Aussage. So hat ein Verlag für Reise- und Sprachführer aus Australien, der Lonely Planet, Deutschland vor kurzem zu dem zweitreizvollsten Reiseland der Welt für das Jahr 2019 gewählt. Da ist von „glanzvollen Museen“ die Rede, auch die „umwerfende Elbphilharmonie“ fehlt nicht als Empfehlung und das Bauhaus-Jubiläum findet besondere Erwähnung. Deutschland sei ein Land, das „Tradition und Vision vereint“,  schreibt der Verlag in seiner Beurteilung. Wenn wir in der Welt so wahrgenommen werden, dann sollte uns das ein Ansporn sein, diesen Weg weiterzugehen – und wir können mit großartigen Ingenieurleistungen dazu beitragen.


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