10.10.2018 | Ausgabe 10/2018

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
die Baukultur ist aus dem öffentlichen Bewusstsein nicht mehr wegzudenken. In der Praxis bleibt sie trotz zahlreicher Handreichungen in erster Linie eine Diskursplattform mit geringer Beteiligung durch den Berufsstand der Ingenieure.

Baukultur ist derzeit (noch) architektonisch-gestalterisch konnotiert – die Debatte wird, das muss selbstkritisch festgestellt werden, von Akteuren anderer Berufsstände und Branchen dominiert. Die Bundesstiftung Baukultur ist bestrebt, die Themenvielfalt ihrer Aktivitäten auch auf das Ingenieurwesen auszudehnen, doch sind Resonanz und Beteiligung bei der Ausgestaltung der Themen durch die Ingenieure eher überschaubar. Das jedoch steht im Widerspruch zur berechtigten Selbstwahrnehmung der Ingenieure als wichtige und verantwortungsbewusste Leistungsträger in Wirtschaft und Gesellschaft.

Es geht in der Baukultur nicht ausschließlich um die Optik und die Gestaltung– es geht auch um die Funktionalität und die Genialität hinter häufig simpel und selbstverständlich erscheinenden Strukt uren unseres gewohnten Lebensumfelds. Und es reicht auch nicht aus, auf Jahrhunderte alte Bauwerke zu blicken, um auf den Beitrag der Ingenieure zur Baukultur hinzuweisen.

Es geht um Bauwerke, Infrastrukturmaßnahmen und Stadt- sowie Landschaftsbilder, die unsere hohen zivilisatorischen Erwartungshaltungen, wie sie unsere Gesellschaft seit Beginn der Industrialisierung als Grundrecht und -wert versteht und erwartet, erst ermöglicht und zukunftssicher macht.

Wie vielfältig die Aufgaben sind, zeigt sehr schön der Deutsche Ingenieurbaupreis, der in diesem Jahr zum zweiten Mal verliehen wird. Wir stellen die eingereichten Projekte in dieser Ausgabe auf mehreren Seiten vor – es ist eine beeindruckende Leistungsschau höchster Bauqualität. Und es ist nach wie vor nur ein kleiner Teil an Ingenieurbüros, der seine Bauprojekte für einen Preis vorschlägt und die benötigten Informationen zusammenstellt.

Tagtäglich setzen Ingenieure ihre Kreativität, ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Lösungskompetenz ein, um komplizie rten Aufgabenstellungen und den damit verbundenen Anforderungen gerecht zu werden. Was setzen wir voraus, was ist für uns unverzichtbar und wie möchten und werden wir in der Zukunft leben? Diese Fragen können in erster Linie von Ingenieuren beantwortet werden!

Wir stehen somit vor der – zu bewältigenden – Notwendigkeit, die Weichen in Sachen Baukultur neu zu stellen. Die kommenden Jahre werden darüber entscheiden, ob es gelingt, der Ingenieurleistung hier einen angemessenen Stellenwert zuzuweisen.


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