15.09.2020 | Ausgabe 09/2020

Editorial

Chefredakteurin Susanne Scherf

Chefredakteurin Susanne Scherf

Liebe Leserinnen und Leser,

das Bürohaus um die Ecke ist ein hermetisch abgeriegelter Arbeitskosmos. Das smarte Gebäude öffnet seine Türen nur für Berechtigte: Hinein darf, wer registriert ist; und wer hinaus möchte zückt ebenfalls seine Chipkarte. Alles wird dokumentiert, Bewegungsprofile lassen sich bei Bedarf auf Knopfdruck erstellen, Arbeits- und Pausenzeiten werden digitalisiert erfasst. Der beeindruckende Glaskubus ist immer perfekt temperiert, empfindliche Verschattungssysteme dimmen zu starken Lichteinfall, ein innovatives Beleuchtungssystem sorgt auch an trüben Tagen für anregende sanfte Helligkeit in den Räumen. Fenster, die sich manuell öffnen lassen, gibt es keine. Zumindest nicht in den Büros. Frischluft ist dennoch merklich vorhanden. Ein ausgeklügeltes Belüftungssystem sorgt für eine geregelte Luftzirkulation. Ein Paradies für Allergiker und Wetterfühlige: Hier herrscht das ganze Jahr konstant ein angenehmes Klima und die Mitarbeiter können frei atmen.
Hört man sich um, wird die Arbeitsatmosphäre in diesem hochtechnologisierten Gebäude durchweg positiv bewertet. Die Nutzer loben den Komfort, den ihnen ein Arbeitsplatz bietet, an dem die Chipkarte jede Tür öffnet, ohne dass Klinken (Keimschleudern!) berührt werden müssen. Sie schwärmen von der Effizienz und der Anpassungsfähigkeit des Gebäudes (und seiner Nutzer).
Kapazitätsänderungen, räumliche Distanzierung und Raumoptimierung: Das smarte Gebäude interagiert mit den Menschen, Systemen und der Umgebung. Es lernt aus Erfahrung, sammelt Echtzeitdaten und stellt sich auf seine Nutzer ein. Dieser durchdachte Ort lässt sich mit den heutigen technischen Errungenschaften auch auf viele andere Lebensräume übertragen.
Aber wollen wir das wirklich – in dieser Absolutheit? Der Mensch ist offen für größtmöglichen Komfort, Effizienz und Sicherheit. Das Optimieren ist unsere zweite Natur. Laufend stellen wir unsere Lebenswirklichkeit und unsere Entwicklungen auf den Prüfstand, Version 2.0, 3.0, 4.0 …
Doch wie weit darf der Fortschritt von Gemeinschaften gehen? Wie viel sind wir bereit, für unseren Nutzungskomfort und die Effizienzsteigerung zu geben? Keine leicht zu beantwortenden Fragen.
Denn – und das ist nicht neu – wo Licht ist, ist auch immer Schatten. Ausnahmslos alles hat seinen Preis. Und der ist nicht nur wirtschaftlich spürbar, wenn Kompatibilität nur bei bestimmten Produkten gegeben ist oder das Nachrüsten einer Technologie zu unverhältnismäßigen Kosten oder einem Totalausfall führt. Und was, wenn es für einzelne Komponenten beispielsweise keine Firmware-Updates mehr gibt? Alles rausreißen, alles Sondermüll? Es geht außerdem darum, wie viel wir von uns selbst Preis geben. Wie stark der Mensch sich anpassen muss, um Teil eines funktionieren Systems zu sein.
Eine optimale Balance aus technischen Möglichkeiten und selbstbestimmtem Leben mit Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten in einen geschützten Raum muss ein erstrebenswertes Ziel bleiben. Zu unser aller Sicherheit. Denn immer stärker wird deutlich: Datenschutz ist nicht nur eine Frage im Internet, er wird immer mehr auch eine Herausforderung in unseren Gebäuden.

Susanne Scherf


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