15.09.2020 | Ausgabe 09/2020

Für den Erhalt leerstehender Kirchengebäude

Kooperationsprojekt Zukunft – Kirchen – Räume in Nordrhein-Westfalen

Umnutzung: Die denkmalgeschützte Liebfrauenkirche in Duisburg ... / Bild: Christian Huhn

In ganz Deutschland, insbesondere in Nordrhein-Westfalen, wird die Debatte zur Umnutzung, zum Umbau oder zum Abriss von Sakralbauten geführt. Schätzungen gehen davon aus, dass langfristig 25 bis 30 Prozent der circa 5.000 nordrhein-westfälischen Kirchenbauwerke außer Dienst gestellt werden. Ein angemessener Umgang mit dem baulichen Bestand, ihn zum Beispiel für neue Nutzungen anzupassen, ist eine wichtige baukulturelle sowie gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Kirchengebäude sind besondere Orte. Sie für die Zukunft zu erhalten, stellt eine besondere Herausforderung dar. Baukultur Nordrhein-Westfalen hat deshalb gemeinsam mit der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen und der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen unter Mitwirkung der evangelischen und katholischen Kirche in Nordrhein-Westfalen das Projekt „Zukunft – Kirchen – Räume. Kirchengebäude erhalten, anpassen und umnutzen“ ins Leben gerufen. Mit einer Informationsplattform und einem Projektaufruf wurde Anfang 2019 der Grundstein für ein professionelles Unterstützungsprogramm für Kirchengemeinden und Pfarreien, aber auch für bürgerschaftlich Engagierte aus Nordrhein-Westfalen gelegt. Denjenigen, die sich für den Erhalt ihrer Kirchengebäude einsetzen, wird damit eine praktische Hilfestellung geboten.

… ist heute eine Kulturkirche.
… ist heute eine Kulturkirche. / Bild: Christian Huhn

Inspiration und Information

Die Internetplattform bietet sämtliche Informationen zur Anpassung oder Umnutzung von Kirchengebäuden. So befinden sich dort unter anderem Fachinformationen zu Nutzungsentwicklung, Baurecht, Fördermöglichkeiten und Denkmalschutz. Außerdem zeigt die Website bisher 90 inspirierende Kirchenumnutzungen aus ganz Nordrhein-Westfalen und nennt konkrete Ansprechpartner. Das zweite Angebot besteht aus einer Prozessbegleitung. Aus insgesamt 21 Wettbewerbseinreichungen wählte eine Jury im August 2019 acht Projekte zur Teilnahme aus:

  • St. Barbara, Neuss – Katholische Kirchengemeinde St. Marien im Kirchenverband Neuss-Mitte
  • Diakoniekirche, ehem. Kreuzkirche, Wuppertal – Initiative Kreuzkirche (IKK) e.V. in Kooperation mit der Diakonie Wuppertal
  • Dreifaltigkeitskirche, Essen – Evangelische Kirchengemeinde Essen-Borbeck-Vogelheim
  • St. Johann Baptist, Krefeld – Katholische Kirchengemeinde Maria Frieden
  • Lukaskirche, Köln – Evangelische Kirchengemeinde Porz
  • St. Michael, Oberhausen – Katholische Kirchengemeinde St. Marien Alt-Oberhausen
  • Pauluskirche, Gelsenkirchen – Evangelische Apostel-Kirchengemeinde
  • Reformierte Kirche, Iserlohn – Evangelische Versöhnungs-Kirchengemeinde

Die acht Projektgruppen, darunter eine Initiative und sieben Kirchengemeinden, werden seit Oktober 2019 kontinuierlich bei dem Prozess zur Entwicklung eines tragfähigen Nutzungskonzepts fachlich begleitet und von Expertinnen und Experten beraten. Mit dem Ziel, langfristig eine neue Nutzung und damit den Erhalt ihrer Kirchen zu sichern.
Bis März 2020, bevor der Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland weite Teile des öffentlichen Lebens zum Erliegen brachte, wurden innerhalb der einzelnen Prozesse die nötigen Grundlagen ermittelt. Es folgten erste Workshops mit den dazu gebildeten Arbeitsgruppen. Dabei wurden nicht nur erste Ideen festgehalten und mögliche Nutzungsszenarien konzipiert, sondern auch die organisatorisch-strukturelle Herangehensweise genauer festgelegt.
Bei der Projektgruppe um die ehemalige Kreuzkirche, jetzt Diakoniekirche in Wuppertal, ging es beispielsweise „um die unterschiedlichen Ziele und Interessenlagen unter den aktiven Beteiligten, insbesondere der Initiative Kreuzkirche (IKK), der Wuppertaler Stadtmission und der Diakonie Wuppertal (…)“, erklärt die zuständige Prozessbegleiterin Dr. Petra Potz vom Büro location3 - Wissenstransfer aus Berlin. Die Arbeitsgruppe aus Neuss befasste sich in ihrem ersten Workshop unter anderem mit dem baulichen Potenzial ihrer Kirche St. Barbara und nahm bei einem Stadtteilrundgang auch das Quartier in Augenschein. In einer kreativen Arbeitsphase wurden erste Ideen gesammelt und zur weiteren Bearbeitung festgehalten.

Die St. Elisabethkirche in Münster wurde zu einer Schul-Turnhalle mit einem angrenzenden Neubau zweier Wohnhäuser umgebaut.
Die St. Elisabethkirche in Münster wurde zu einer Schul-Turnhalle mit einem angrenzenden Neubau zweier Wohnhäuser umgebaut. / Bild: Ben Kuhlmann

Das Projekt – ein Experiment

So individuell wie die Herausforderungen, denen sich die einzelnen Arbeitsgruppen stellen müssen, so individuell sind auch die Bauwerke selbst, die es zu erhalten und umzunutzen gilt. „Das Projekt Zukunft – Kirchen – Räume ist kein Selbstläufer“, kommentiert Peter Köddermann, Geschäftsführer Programm von Baukultur Nordrhein-Westfalen, und resümiert nach eineinhalb Jahren Projektbegleitung: „Die einzelnen Arbeitsgruppen gehen mit sehr unterschiedlichen Problemstellungen und Strukturen um. Die Fortschritte in den Einzelprojekten unterscheiden sich deshalb stark. Der Mehrwert des Gesamtprojekts Zukunft – Kirchen – Räume wird darin liegen, sowohl positive Entwicklungen zu erzeugen, als auch Problemsituationen zu dokumentieren.“

Dreharbeiten in Corona-Zeiten

Seit Ausbruch der Pandemie im Frühling 2020 mussten viele bereits geplante Veranstaltungen abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Neue Wege wurden gesucht, um die Öffentlichkeit weiterhin an dem Projekt teilhaben zu lassen. Ein Ansatz war es für Baukultur Nordrhein-Westfalen, einzelne Projektgruppen zu besuchen und die Vertreter in Videos über den jeweiligen Prozessstand berichten zu lassen. Die dafür durchgeführten Dreharbeiten fanden vor Ort in den Kirchengebäuden der drei dafür ausgewählten Projektgruppen statt.
Doch spannender als die technische Umsetzung waren die unterschiedlichen Antworten der Projektteams. „Es gibt einen schönen Satz: Große Räume sollten nicht länger als Luxus gesehen werden, sondern als Garant zur Entfaltung geistiger Fähigkeiten“, beginnt Pfarrer Henning Disselhoff seine Ausführungen. Er ist sich mit der Prozessbegleiterin Dr.-Ing. Manuela Kramp vom ASK Architektur- und Sachverständigenbüro Kramp in Lemgo sicher, dass die Pauluskirche in Gelsenkirchen in Zukunft Mittelpunkt einer vielfältigen Bildungsarbeit im Stadtteil Bulmke sein kann. Das Konzept dafür sieht eine Kooperation der Apostel-Kirchengemeinde (als Trägerin der Pauluskirche) und des direkt gegenüberliegenden Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasiums vor und ist bereits weit fortgeschritten. Die kompletten Interviews und die Projektbeschreibungen mit Informationen zu den teilnehmenden Gruppen und ihren Kirchengebäuden sind auf der Webseite zu finden.
Zukunft – Kirchen – Räume ist ein Kooperationsprojekt der eingangs genannten Partner in Nordrhein-Westfalen unter Mitwirkung der (Erz-)Bistümer und Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen und Unterstützung der RWTH Aachen University (Lehr- und Forschungsgebiet für Immobilienprojektentwicklung der Fakultät für Architektur). Das Projekt findet unter der Schirmherrschaft der Ministerin Ina Scharrenbach (Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen) statt. Baukultur Nordrhein-Westfalen ist als Institution in Nordrhein-Westfalen die Adresse für Baukultur und initiiert, organisiert, vernetzt und kommuniziert aktuelle baukulturelle Themen. Dazu kooperiert Baukultur Nordrhein-Westfalen mit vielen Partnern und unterstützt beispielhafte Projekte Dritter. Gefördert wird Baukultur Nordrhein-Westfalen vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen.


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