17.04.2018 | Ausgabe 04/2018

Tor zur Wissenschaft

Erweiterung der Technischen Gediminas-Universität Vilnius

Bild: A.S.A. Sigito Kuncevičiaus / Žygimantas Gudelis

Drei Baukörper prägen die Erweiterung der Technischen Gediminas-Universität Vilnius: der Veranstaltungstrakt, der Wissenschaftsbereich und der Verwaltungsriegel. Ein 15 Meter breites und 22 Meter hohes Tor markiert den Eingangsbereich. Die horizontale und vertikale Bekleidung mit Titanzink unterstreicht die einladende Architektur.

Im Osten von Litauen, rund 40 Kilometer von der Grenze zu Weißrussland entfernt, liegt Vilnius. Über 550.000 Menschen leben in der litauischen Hauptstadt, die zu den ältesten Universitätsstädten Europas zählt und heute mehrere international angesehene Hochschulen vorweisen kann. Zu ihnen gehört die Technische Gediminas-Universität (Vilniaus Gedimino technikos universitetas – VGTU). 1956 gegründet hat sie sich im Laufe der Jahre zu einer der größten Hochschulen Litauens entwickelt. Über 11.000 Studierenden stehen zehn Fakultäten, diverse Forschungsinstitute und Partnerschaften mit Hochschulen in der ganzen Welt zur Verfügung. Weil die VGTU räumlich aus allen Nähten platzte und sich auch künftig erfolgreich weiterentwickeln will, fiel die Entscheidung für einen Erweiterungsbau. Nach einer mehrjährigen Planungs- und Bauphase war es 2017 endlich soweit: Die Technische Hochschule konnte ihr neues Wissenschafts- und Verwaltungszentrum in Betrieb nehmen.

Ansicht von Südwesten: Die Verbindungsbrücke bindet den Altbau an den Neubau an; in der Mitte befindet sich der Wissenschaftstrakt, rechts das Veranstaltungszentrum, oben links der Verwaltungsriegel.
Bild: RHEINZINK

Beeindruckender Gebäudekomplex
Der Entwurf für den Neubau stammt vom Architekturbüro A.S.A. Sigito Kuncevičiaus projektavimo firma, Vilnius. Das Bauwerk besteht aus drei Hauptelementen: einem separat erschlossenen und flexibel nutzbaren Veranstaltungssaal mit 1000 Sitzplätzen, einem sechsgeschossigen Wissenschaftsgebäude mit Bibliothek, Museum, Institutsräumen und Büros für Doktoranden sowie einem ebenfalls sechsgeschossigen Verwaltungstrakt. Eine Verbindungsbrücke schließt den Erweiterungsbau an die bestehenden Gebäude der VGTU an.
Weithin sichtbares Kennzeichen des Wissenschafts- und Verwaltungszentrums ist ein rund 15 Meter breites und 22 Meter hohes Tor, das die Offenheit der VGTU symbolisiert und zugleich den Eingang zum Gebäude und Gelände markiert. Der links angeordnete und bis ins zwölfte Stockwerk hinaufragende Turm besitzt mehrere Aufgaben. Er übernimmt tragende und aussteifende Funktionen für den über dem Tor liegenden Verwaltungsriegel, greift ein gestalterisches Element des bestehenden Hauptgebäudes auf und beherbergt das notwendige Fluchttreppenhaus. Auf der rechten Seite des Tores haben die Architekten die innere Erschließung des insgesamt zwölfgeschossigen Gebäudes angeordnet. An diesen mit einer rippenähnlichen Fassade gestalteten Trakt sind der siebengeschossige Wissenschaftsbereich und der darüber liegende fünfgeschossige Verwaltungsriegel direkt angebunden.

Die Großrautentechnik bietet in Kombination mit der leichten Formbarkeit des Titanzinks den Vorteil, auch abgerundete Gebäudeecken, wie hier beim Veranstaltungstrakt, sauber auszubilden.
Bild: UAB Vytrolma

Fassade aus Glas, Aluminium und Titanzink
Errichtet wurde das Wissenschafts- und Verwaltungszentrum als Stahlbetonskelettkonstruktion in Kombination mit vorgefertigten Betonbauteilen. Für die Fassaden kamen drei Materialien zum Einsatz: Glas, Aluminium und Titanzink. Dort, wo die Nutzung Tageslicht erforderte, befindet sich eine Aluminium-Glas-Fassade in Kombination mit glatten Aluminium-Verbundplatten, während der fast fensterlose Erschließungsbereich über Aluminium-Verbundplatten mit Rippenstruktur betont ist. Der größte Teil der Fassaden des Gebäudeensembles, insgesamt rund 3650 Quadratmeter, ist mit Titanzink der Firma Rheinzink bekleidet. Die Planer haben sich aus drei Gründen für dieses Material entschieden: Es ist nachhaltig, es ist langlebig und es ist über seine gesamte Lebensdauer hinweg wartungsfrei. Dies liegt an der schützenden Patina, die sich durch Regenwasser und Kohlendioxid in der Luft von selbst bildet und auch nach Beschädigungen immer wieder neu entsteht. Die natürliche Entstehung der Schutzschicht verläuft jedoch ungleichmäßig und kann durch Lichtreflexe auf der Oberfläche ein unruhiges Aussehen zur Folge haben. Um dies zu verhindern, hat Rheinzink ein spezielles Beizverfahren entwickelt. Damit erhält das Titanzink werksmäßig den Farbton, den es durch die natürliche Bewitterung ohnehin erhalten würde. Die Fähigkeit, die schützende Patina zu bilden, bleibt dabei vollständig erhalten. Für die Bekleidung des VGTU-Gebäudes wählten Bauherr und Planer die Oberflächenqualität „prePatina blaugrau“, die Verlegung erfolgte mit der Großrautentechnik. Sie bietet in Kombination mit der leichten Formbarkeit des Titanzinks den Vorteil, auch abgerundete und scharfe Gebäudeecken, wie beim Veranstaltungstrakt, handwerklich sauber auszubilden und zuverlässig abzudichten.

Verarbeitungsdetail: Stahltrapezprofile dienen als Untergrund für die Befestigung der Großrauten aus Titanzink. Die Einhangfalze der Großrauten klinkte der Verarbeiter im Bereich der Hafte aus.
Bild: UAB Vytrolma

Maßgenaue Anfertigung und akkurate Verlegung
Für die Verarbeitung zeichnet UAB Vytrolma aus dem litauischen Utena verantwortlich. Die Anlieferung des Titanzinks erfolgte in Coils, aus denen der Verarbeiter in der Werkstatt in Utena die Großrauten zuschnitt und mit den erforderlichen Falzen ausstattete. Sie wurden in drei unterschiedlichen Breiten und – in Abhängigkeit der Gebäudeabmessungen – in diversen Längen hergestellt, um die vom Architekten gewünschte Verlegung in einem mauerwerksähnlichen Verband umzusetzen. Alle vollen und alle halben Großrauten wurden vorgefertigt und zur Baustelle geliefert. Der Zuschnitt und das Biegen der Titanzink-Bekleidungen für die Fenster- und Türenlaibungen sowie für die exakte Ausformung von Ecken und Rundungen erfolgten vor Ort. Als Untergrund für die Befestigung dienten Stahltrapezprofile, auf denen die Großrauten nach den Verlegeempfehlungen von Rheinzink mit Edelstahlhaften fixiert wurden. Für die Überlappung der Großrauten und ihre Positionierung klinkte der Verarbeiter die Großrauten im Bereich der Hafte aus. Die Hafte befestigte er entweder auf den Hochsicken der Stahltrapezprofile bzw. unterfütterte sie im Bereich der Tiefsicken.
Bei der Montage achtete der Verarbeiter darauf, die Großrauten immer mit einem halben Versatz zu montieren. Damit vermied er Kreuzfugen und konnte – unter Einhaltung der gewünschten Linienführung – zudem Toleranzen ausgleichen. Exakte Vorarbeit erforderte die Südfassade des Veranstaltungstraktes. Hier kam es darauf an, die Rundungen des Auditoriums und die Innen- sowie die Außenecken des anschließenden Gebäudes optisch akkurat und handwerklich sauber auszubilden.
Rund 32 Tonnen Titanzink hat UAB Vytrolma für die Erweiterung der VGTU zugeschnitten, gekantet und montiert. Die Herausforderung bildete bei diesem Projekt aber nicht die Herstellung der Großrauten, sondern diese bestand in den zahlreichen Ausführungsdetails, der Berechnung des Materialbedarfs, der Erstellung des Produktionsplans sowie der termingerechten Lieferung. „Wir haben vor Projektstart eine Risikoanalyse durchgeführt, um sicherzustellen, dass wir alle Be- und Verarbeitungsschritte bedacht hatten und das Projekt erfolgreich abschließen können“, resümiert Vaidotas Paukštė, Projektleiter bei UAB Vytrolma. „Bei diesen vorbereitenden Arbeiten haben wir zusammen mit Rheinzink-Beratern sämtliche Details so genau wie möglich betrachtet und Lösungen besprochen. Wir sind stolz darauf, dass wir an einem so herausragenden und komplizierten Projekt beteiligt waren und es erfolgreich abschließen konnten.”

BAUTAFEL
Bauherr: Vilniaus Gedimino technikos universitetas (VGTU), Vilnius (Litauen)

Architekt: A.S.A. Sigito Kuncevičiaus projekt­avimo firma, Vilnius (Litauen)

Generalunternehmer: UAB AVONA, Kaunas (Litauen)

Verarbeiter: UAB Vytrolma, Utena (Litauen)


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