19.03.2018 | Ausgabe 03/2018

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,kürzlich machte ich in meinem privaten Umfeld eine ernüchternde Entdeckung: Die 7. Klasse eines mir bekannten Gymnasiums hat keinen Geschichtsunterricht. Nicht ausfallbedingt durch Krankheit oder Lehrermangel. Auch nicht erst im zweiten Halbjahr, weil das erste Halbjahr vielleicht zu viele Unterrichtseinheiten hatte. Tatsächlich ist das Fach im Unterrichtsplan des Jahrgangs ersatzlos gestrichen worden. Biologie übrigens ebenso.
Die betroffene Schülerin konnte mein Unverständnis und meine Fassungslosigkeit zunächst nicht nachvollziehen: Warum ich so aufgebracht sei, maulte sie, Geschichte möge außer mir niemand und es sei viel wichtiger, Dinge zu lernen, die einem im Hier und Jetzt etwas brächten. Erst nachdem sie mir ein wenig ihrer wertvollen Zeit im Hier und Jetzt geschenkt und (einigen wenigen) Beispielen aus der deutschen Geschichte und deren Auswirkungen auch auf ihre Lebensrealität gelauscht hatte, verstand sie, dass sich mit der Kenntnis über die Vergangenheit unsere Meinungen konkretisieren, verändern oder sogar neu formen lassen. Dass es so schlecht gar nicht sei, gelegentlich einen Blick zurück zu werfen, um Zusammenhänge zu verstehen – und Fehler nicht zu wiederholen oder sie sogar aktiv zu verhindern.
Der Ausflug in die Bildungsrealität an manchen Einrichtungen sollte kein einleitender Diskurs über die Mangelverwaltung unseres Schulsystems sein. Es war lediglich als Beispiel dafür gedacht, dass dem Wissen um die Vergangenheit nach wie vor in vielen Bereichen unseres Alltags zu wenig Bedeutung beigemessen wird.
Prof. Stefan Polónyi greift in dieser Ausgabe den Artikel von Prof. Werner Lorenz zur Bautechnikgeschichte aus der Dezemberausgabe 2017 des DIBs auf und fokussiert die wissenschaftliche Entwicklung wesentlicher Elemente der Lehre in Ingenieurstudiengängen. Er ergänzt die Frage von Lorenz nach den Gründen, warum dem Bauingenieur die Geschichte seines Berufs und deren wissenschaftliche Grundlagen kaum nahegebracht werden, um den Hinweis, dass es wichtig sei, neben der Geschichte der Statik auch deren Einwirkungen auf die Bauarten zu kennen. Denn, so Polónyi, „das erweitert unseren Horizont und verbessert unsere heutigen Bauwerke“.
Die Bundesingenieurkammer ist bereits vor über einem Jahrzehnt den Weg gegangen, mit den Historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland die früheren Leistungen deutscher Baumeister zu würdigen. Mit großem Erfolg, wie sich immer wieder zeigt. Das Interesse ist vorhanden – sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei zahlreichen Ingenieuren, die zu fleißigen Lesern der dazugehörigen Publikationen gehören.
Der Themenschwerpunkt dieser Ausgabe trägt den Titel „Bauen im Bestand“. Eigentlich gibt das schön komprimiert wieder, was der lange Editorial-Text aussagen wollte: Egal was und auf was wir bauen: Nur wer das Gestern kennt und versteht, kann das Heute richtig nutzen, um das Morgen zu planen und zu gestalten.

Susanne Scherf


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