15.09.2020 | Ausgabe 09/2020

Lebenswerte Räume gestalten

Liebighöfe Aschaffenburg

Die Liebighöfe in Aschaffenburg sollen eine Vorbildfunktion für den geförderten Wohnraum in Bayern haben. Der Mix verschiedener Wohnungstypen innerhalb der Kubatur sorgt für eine soziale Durchmischung im Quartier. / Bild: Deutsche Poroton / Matthias Rotter

Familien- und demografiegerecht sowie architektonisch herausragend: Das Wohnquartier Liebighöfe in Aschaffenburg soll eine Vorbildfunktion für den geförderten Wohnraum in Bayern haben. Die beiden Gebäuderiegel sind monolithisch mit dämmstoffverfüllten Poroton Ziegeln errichtet.

„Lebenswert, erschwinglich, barrierefrei, energieeffizient“, umreißt Manuela Rösel-Keim, technische Leiterin bei der Aschaffenburger Stadtbau GmbH, die Planungseckpunkte für die Siedlung. „Mit den Liebighöfen möchten wir zeigen, dass der geförderte Wohnraum und eine qualitativ hochwertige Bauweise zwei Seiten derselben Medaille sind“, so Rösel-Keim. Die Oberste Baubehörde im Bayerischen Innenministerium unterstützt das Projekt, Mittel aus dem Bayerischen Wohnungsbauprogramm kommen den Mietern direkt zugute. Im Dezember 2014 begannen die Bauarbeiten mit dem Rückbau der nicht mehr zeitgemäßen Bestandsgebäude. Richtfest für den ersten Bauabschnitt des Neubaus war im März 2016, ab März 2017 bezogen die Bewohner ihr neues Zuhause.

Die klammerartige Gegenüberstellung der Gebäudezeilen schafft voneinander getrennte öffentliche und private Räume
Die klammerartige Gegenüberstellung der Gebäudezeilen schafft voneinander getrennte öffentliche und private Räume: Neben den etwas erhöhten Privatgärten sowie den Loggien dient der geschützte Außenraum als Gemeinschaftsfläche. / Grafik: Stadtbau Aschaffenburg GmbH / Bruno Fioretti Marquez

Qualität in der Planung sichergestellt

Im offenen Wettbewerb setzte sich das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez mit seinem Entwurf durch. Die Architekten verfügen über große Erfahrung bei der Planung von bezahlbarem Wohnraum mit architektonischem Anspruch. „Uns überzeugte die überdurchschnittliche Qualität des Entwurfs auf Basis einer monolithischen Ziegelbauweise“, erläutert Manuela Rösel-Keim. Die Baukörper mit jeweils drei Häusern greifen die ortstypische Zeilenbauweise mit Ost-West-Ausrichtung auf. Um unterscheidbare öffentliche und private Räume zu schaffen, knickten die Planer die beiden Baukörper jeweils und stellten sie wie eine Klammer zueinander. „Durch diese Gebäudegeometrie entsteht im Inneren ein geschützter Außenraum für das soziale Miteinander der Bewohner“, erklärt Piero Bruno von Bruno Fioretti Marquez. Die öffentlichen Erschließungswege sind den Außenkanten der Riegel zugeordnet.
Bei der Planung der Grundrisse musste sich das Architektenteam an den Förderbedingungen orientieren, denn die einkommensorientierte Förderung in Bayern legt für die einzelnen Wohnungstypen Flächenobergrenzen fest. So darf beispielsweise eine Zweizimmerwohnung maximal 55 Quadratmeter groß sein, eine Vierzimmerwohnung maximal 90 Quadratmeter. Um die Wohnflächen nahe an diese geförderten Maximalflächen zu bringen, sind die Geschossebenen ab dem ersten Obergeschoss für jedes Haus als Fünfspänner mit Aufzug für einen barrierefreien Zugang zu allen Ebenen konzipiert. Der Großteil der Drei- bis Fünfzimmerwohnungen ist durchgängig vom Hof zur Straße hin konzipiert, die meisten Zweizimmerwohnungen sind zum ruhigen Innenhof ausgerichtet. Alle Wohneinheiten sind mit Loggien ausgestattet. Die Wohnungen in den Staffelgeschossen haben einen Austritt auf die anliegenden Dachflächen, die von den Bewohnern als Dachterrasse genutzt werden. Ein anderes Konzept liegt den Erdgeschosswohnungen zugrunde: Sie sind wie Einfamilienhäuser mit unabhängigen Hauseingängen sowie eigenen Gärten gestaltet.
Mit dieser Bandbreite an Wohnungstypen schufen die Architekten die Voraussetzung für eine ausgewogene soziale Durchmischung des Quartiers. Unterstützt wird diese Idee des Miteinanders durch einen Concierge-Service als zentrale Anlaufstelle und eine von allen Bewohnern nutzbare separate Gästewohnung. Um nicht im Umfeld zu viel Fläche durch Parkplätze zu versiegeln, stellt die Aschaffenburger Stadtbau den Bewohnern zusammen mit den Stadtwerken Autos im Car-Sharing zur Verfügung. Zeitgemäß ist auch das Energiekonzept: Die EnEV-2014-Gebäude werden über ein Blockheizkraftwerk und mehrere Photovoltaikanlagen mit Wärme und Strom versorgt. Die auf diese Weise regenerativ erzeugte Energie können die Mieter direkt beziehen und dadurch Geld sparen.

Die Liebighöfe sind monolithisch mit dämmstoffverfüllten Poroton Ziegeln „S10-MW“ in der Stärke 42,5 Zentimeter errichtet.
Die Liebighöfe sind monolithisch mit dämmstoffverfüllten Poroton Ziegeln „S10-MW“ in der Stärke 42,5 Zentimeter errichtet. Dieser Ziegel ist durch seine hohe Druckfestigkeit und die Wärme-, Brand- und Schallschutzeigenschaften prädestiniert für den Einsatz im Geschosswohnungsbau. / Bild: Deutsche Poroton / Matthias Rotter

Nachhaltige monolithische Ziegelkonstruktion

Das Konzept der Liebighöfe setzt auf Qualität, Nachhaltigkeit und sinnvolle Detaillösungen. „Deshalb entschieden wir uns bei den Außenwänden für dämmstoffverfüllte Poroton Ziegel“, sagt Manuela Rösel-Keim. Sie ermöglichen eine monolithische Bauweise unter Berücksichtigung aller Anforderungen an Statik, Wärme-, Brand- und Schallschutz. „Diese Konstruktion ist sehr langlebig und hält die Instandhaltungskosten auf Dauer niedrig. Zudem überzeugten uns die feuchte- und hitzeregulierenden Eigenschaften von Ziegeln, denn ein angenehmes, wohngesundes Raumklima ist zu jeder Jahreszeit wichtig.“ Die Außenmauern im Erdgeschoss bis einschließlich des zweiten Obergeschosses sind monolithisch mit dem dämmstoffverfüllten Poroton Ziegel „S10-MW“ in der Stärke 42,5 Zentimeter errichtet. Um einerseits Wärmebrücken zu minimieren, andererseits eine einheitliche Ziegeloberfläche für den sicheren Putzauftrag zu gestalten, kamen Poroton Systemergänzungen wie wärmegedämmte Deckenrandschalen, Ringanker, Ziegelstürze, Laibungs- oder Anschlagschalen zum Einsatz.
Bedingt durch die monolithische Ziegelbauweise ist die Fassade als Lochfassade konzipiert. Die innenbündige Anordnung der Fenster betont den monolithischen Charakter des Baukörpers. Besonderes ließen sich die Planer auch für die Außenkanten der Gebäude mit den Zugängen zu den Treppenhäusern und den Einfamilienhauswohnungen einfallen. Die Ziegellaibungen der Eingangstüren sind an einer Seite jeweils schräg ausgeführt und mit handgefertigten Verblendern mit einer grün eingefärbten Glasur im Dünnformat umschlossen. Die grün gefliesten Bereiche setzen sich im Sockel der Straßenseite sowie in den Durchgängen der Gebäuderiegel fort. Mit diesem einfachen Mittel entsteht eine ästhetisch ansprechende Straßenfassade, die das Prinzip der Trennung von öffentlichen Räumen, Gebäudeaußenkanten, privaten Räumen und Gebäudeinnenkanten fortführt. „Solche Details entscheiden letztlich darüber, ob sich ein Wohngebäude aus der Masse an gebautem Wohnraum positiv hervorhebt, ob es Wohlfühlräume schafft. Genau dies ist ja das Ziel des Projekts Liebighöfe“, sagt Architekt Piero Bruno. Manuela Rösel-Keim ergänzt: „Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen ist mehr, als günstige Gebäude in die Landschaft zu setzen. Es geht letztlich darum, lebenswerte Räume durch Architektur so zu strukturieren, dass ein friedliches soziales Miteinander entsteht.“

Die schräg ausgeführten Laibungen der Eingänge sowie der Sockelbereich sind wartungsarm gefliest.
Die schräg ausgeführten Laibungen der Eingänge sowie der Sockelbereich sind wartungsarm gefliest. Farbe und Materialität der grün glasierten Verblender setzen einen Akzent zur hellgrauen Lochfassade. / Bild: Deutsche Poroton / Matthias Rotter

BAUTAFEL

Bauherr: Stadtbau Aschaffenburg GmbH
Architekturbüro: Bruno Fioretti Marquez, Berlin
Investitionsvolumen: 14,5 Millionen Euro
(KG 300 + 400)
Bruttogeschossfläche: 13 921 m²
Außenwände: Monolithische Außenwand aus dämmstoffverfüllten Poroton S10-MW, 42,5 Zentimeter, U-Wert der Außenwand 0,22 W/m2K
Jahresprimärenergiebedarf: 51,9 kWh/(m2a)
Haustechnik: Blockheizkraftwerk und Photovoltaik (Konzept „Mieterstrom“), Abluftanlage mit Nachströmung über Zuluftelemente in den Fensterlaibungen


 

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